DIE RECHNUNG WAR SCHON DA.

Was wird möglich, wenn wir rechnen? Und was wird unmöglich, weil wir auf eine bestimmte Weise rechnen?

ROLLA STUDIO · KÜNSTLERISCHE UNTERSUCHUNG

Wirkfeld: DEMOCRACY

2. November 2026

Hier beginnt die Untersuchung.

  1. 01

    Ausgangsimpuls

    Beobachtung · 02.11.2026

    Berlin diskutiert die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände.

    Die politische Vorstellung: Wohnungen sollen in Gemeineigentum übergehen. Die Mieten sollen dadurch nicht steigen.

    Ein Ökonom rechnet nach.

    Er untersucht, ob sich die Übernahme der Wohnungen aus ihren Mieteinnahmen finanzieren lässt.

    Das Ergebnis seines Modells: Unter den angenommenen Bedingungen reicht das Geld zunächst nicht.

    Die Rechnung stellt das politische Vorhaben infrage.

    Aber was genau wurde eigentlich berechnet?

    Und was nicht?

  2. 02

    Was die Rechnung zeigt

    Etwa 155.000 Wohnungen.

    Bis zu 16 Milliarden Euro Entschädigung.

    Mieteinnahmen.

    Instandhaltungskosten.

    Kredite.

    Zinsen.

    Tilgung.

    Aus diesen Größen entsteht ein Modell.

    Es beschreibt, was unter bestimmten Voraussetzungen finanziell möglich wäre.

    Bei den angenommenen Kosten und Zinssätzen entsteht zunächst eine Finanzierungslücke.

    Eine Möglichkeit wäre, die Mieten zu erhöhen.

    Eine andere, Geld aus dem öffentlichen Haushalt einzusetzen.

    Oder die Entschädigung zu reduzieren.

    Oder andere Finanzierungskonditionen zu schaffen.

    Die Rechnung zeigt einen Konflikt.

    Sie entscheidet ihn nicht.

  3. 03

    Die CMG-Verschiebung

    Eine Rechnung ist keine Wirklichkeit.

    Sie ist eine Konstruktion, mit der wir Wirklichkeit beschreiben, vergleichen und mögliche Entwicklungen abschätzen.

    Dafür braucht sie Annahmen.

    Welche Wohnungen werden übernommen?

    In welchem Zustand befinden sie sich?

    Wie hoch ist die Entschädigung?

    Welche Zinsen müssen bezahlt werden?

    Über welchen Zeitraum wird gerechnet?

    Was gilt als Kostenfaktor?

    Was gilt als Nutzen?

    Und was wird gar nicht in Zahlen übersetzt?

    Jede dieser Entscheidungen beeinflusst das Ergebnis.

    Die Rechnung ist deshalb nicht beliebig.

    Aber sie ist auch nicht unabhängig von den Voraussetzungen, die ihr zugrunde liegen.

    Bevor die Rechnung ein Ergebnis liefert, wurden bereits Entscheidungen getroffen.

  4. 04

    WHAT DIRECTS?

    Was gibt der Rechnung Richtung?

    Wir verwenden Zahlen, um Entscheidungen zu begründen.

    Sie können Zusammenhänge sichtbar machen.

    Sie können Behauptungen überprüfen.

    Sie können Grenzen aufzeigen.

    Aber Zahlen können auch den Eindruck erzeugen, dass eine Entscheidung bereits gefallen sei.

    Etwas gilt als zu teuer.

    Als unwirtschaftlich.

    Als unrealistisch.

    Als nicht finanzierbar.

    Was geschieht in diesem Moment?

    Wird eine Möglichkeit ausgeschlossen?

    Oder wird lediglich sichtbar, dass sie unter bestimmten Bedingungen nicht funktioniert?

    Und wer entscheidet, welche Bedingungen verändert werden können?

    Eine Zahl kann eine Entscheidung unterstützen.

    Sie kann sie aber nicht allein ersetzen.

  5. 05

    Das Ziel untersuchen

    Was soll mit der Vergesellschaftung eigentlich erreicht werden?

    Niedrigere Mieten?

    Stabilere Mieten?

    Mehr öffentlicher Einfluss auf Wohnraum?

    Eine andere Verteilung von Eigentum?

    Weniger Abhängigkeit von privaten Immobilienkonzernen?

    Langfristige Sicherung von Wohnraum?

    Diese Ziele sind nicht identisch.

    Eine Rechnung, die vor allem die Finanzierungskosten während einer Kreditlaufzeit betrachtet, beantwortet nicht automatisch jede gesellschaftliche Frage nach Eigentum, Wohnen und Gemeinwohl.

    Umgekehrt macht ein gesellschaftlich erwünschtes Ziel die Finanzierung nicht überflüssig.

    Beides muss untersucht werden.

    Was wollen wir erreichen? Und woran erkennen wir, ob wir es erreicht haben?

  6. 06

    Wenn das Ziel auf die Rechnung trifft

    Eine Vorstellung trifft auf Bedingungen.

    Die Bedingungen erzeugen Widerstand.

    Eine ursprüngliche Annahme wird fraglich.

    Jetzt beginnt das Ringen.

    Halten wir am Ziel fest?

    Verändern wir die Mittel?

    Verändern wir die Bedingungen?

    Oder überprüfen wir das Ziel selbst?

    Vielleicht entdecken wir einen anderen Weg.

    Vielleicht erkennen wir, dass ein bestimmtes Vorhaben unter den gegebenen Bedingungen nicht sinnvoll ist.

    Vielleicht verändern sich durch die Untersuchung sogar unsere Vorstellungen davon, was sinnvoll wäre.

    Hier beginnt ein rekursiver Prozess.

    Das Ziel gibt dem Handeln Richtung.

    Aber die Erfahrungen aus dem Handeln können auf das Ziel zurückwirken.

    Nicht nur die Rechnung überprüft das Ziel. Auch das Ziel verlangt, die Rechnung zu überprüfen.

  7. 07

    Was die Rechnung nicht entscheidet

    Eine Finanzierungsrechnung kann zeigen, welche Einnahmen und Ausgaben unter bestimmten Voraussetzungen zu erwarten sind.

    Sie kann aber nicht allein entscheiden, wie eine Gesellschaft wohnen möchte.

    Welche Bedeutung hat öffentliches Eigentum?

    Wie bewerten wir langfristige Handlungsspielräume?

    Welche Kosten sind wir bereit, gemeinschaftlich zu tragen?

    Welche Alternativen stehen zur Verfügung?

    Was würde der Neubau von Wohnungen bewirken?

    Wer profitiert von welcher Entscheidung?

    Wer trägt die Risiken?

    Und über welchen Zeitraum betrachten wir den Erfolg?

    Das sind nicht nur rechnerische Fragen.

    Es sind auch politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungen.

    Sie benötigen Zahlen.

    Aber ebenso Ziele, Wertvorstellungen, Begründungen und öffentliche Auseinandersetzung.

  8. 08

    Die eigene Wahrnehmung

    Als ich von der Berechnung las, stand zunächst die Frage im Raum, ob die Vergesellschaftung finanzierbar ist.

    Dann verschob sich meine Aufmerksamkeit.

    Ich begann, die Rechnung selbst zu betrachten.

    Nicht nur ihre Zahlen.

    Sondern die Entscheidungen, die ihr vorausgehen.

    Mich interessiert, wie schnell wir ein errechnetes Ergebnis als Beschreibung dessen verstehen, was möglich oder unmöglich ist.

    Und wie selten wir gleichzeitig fragen, welche Voraussetzungen wir bereits akzeptiert haben.

    Dabei ist auch meine eigene Perspektive nicht voraussetzungslos.

    Welche politischen Vorstellungen bringe ich mit?

    Welchen Berechnungen vertraue ich?

    Welche Argumente erscheinen mir plausibel?

    Und welche übersehe ich möglicherweise, weil sie nicht zu meinen Erwartungen passen?

    Die Untersuchung richtet sich deshalb nicht nur auf die Rechnung. Sie richtet sich auch auf meinen Umgang mit ihr.

  9. 09

    Die Untersuchung bleibt offen

    Eine andere Entschädigung verändert die Rechnung.

    Ein anderer Zinssatz verändert die Rechnung.

    Ein anderer Zeitraum verändert die Rechnung.

    Eine andere Bewertung gesellschaftlicher Wirkungen verändert möglicherweise die Entscheidung.

    Aber nicht jede Veränderung einer Annahme ist gerechtfertigt.

    Nicht jede gewünschte Rechnung ist eine tragfähige Rechnung.

    Annahmen müssen begründet werden.

    Ergebnisse müssen überprüfbar bleiben.

    Unterschiedliche Ziele müssen sichtbar werden.

    Und Widersprüche dürfen bestehen bleiben.

    Mich interessiert deshalb nicht, die eine richtige Rechnung gegen die andere auszuspielen.

    Mich interessiert, wie wir mit Rechnungen umgehen.

    Wie sie unsere Vorstellungen verändern.

    Wie wir ihre Grenzen erkennen.

    Und wie wir Entscheidungen treffen, obwohl nicht alle Bedingungen sicher bekannt sind.

  10. 10

    Eigene Untersuchung

    Welche Rechnung bestimmt bereits dein Denken?

    Wann hast du zuletzt gehört, etwas sei nicht finanzierbar, nicht wirtschaftlich oder nicht realistisch?

    Welche Annahmen lagen diesem Urteil zugrunde?

    Was wurde berechnet?

    Was blieb unberücksichtigt?

    Welche Ziele wurden vorausgesetzt?

    Und welche Bedingungen hätten sich verändern müssen, um zu einem anderen Ergebnis zu gelangen?

    Es geht nicht darum, Zahlen zu misstrauen.

    Es geht darum, sie verstehen, hinterfragen und einordnen zu können.

    Denn wer eine Rechnung beurteilen will, muss auch ihre Voraussetzungen untersuchen können.

    WHAT DIRECTS?

    DIE RECHNUNG WAR SCHON DA.

    Aber wer hat ihre Voraussetzungen bestimmt?

    Steffen Rolla

    Künstlerische Untersuchung · WHAT DIRECTS?

    Wirkfeld DEMOCRACY · Offen für weitere Untersuchung

  11. 11

    Ausgangsmaterial

    Beobachtung · 02.11.2026

    Jana Gäng, „Ökonom rechnet Pläne von Rot-Grün-Rot durch: Geht die neue Rechnung der Vergesellschaftung auf?“, Der Tagesspiegel, 2. November 2026. Berechnungen von Jonas Zdrzalek, Institut für Weltwirtschaft Kiel.

    Untersuchungshinweis: Die im Artikel untersuchten Finanzierungsmodelle sind Szenarien, keine endgültigen Prognosen. Die Untersuchung unterscheidet zwischen den rechnerischen Annahmen, politischen Zielen und eigenen künstlerischen Fragen.

Untersuchungsverlauf

  1. Ausgang ·

    Ausgangsfassung

    Bezug zum bisherigen Stand

    Erste Fassung. Die Schritte bleiben dieser Stand. Ein späterer Eintrag trägt ein Datum, ergänzt eine Beobachtung oder verschiebt die Frage. Er ersetzt den Ausgang nicht.

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