FILM
trägt Bewegung und Zeit.
Ganz einfach: Oft beginnt eine Arbeit damit, dass etwas hängen bleibt. Dann wird geschaut, gezögert, ausprobiert, verworfen und verändert. Erst später zeigt sich, was daraus wird.
VERFAHREN
Die künstlerische Arbeit von Steffen Rolla beginnt häufig mit etwas, das aus dem Alltag heraus Widerstand erzeugt.
Ein Bild.
Ein Satz.
Eine Nachricht.
Eine Begegnung.
Ein Material.
Ein Geschmack.
Ein Ort.
Eine politische oder gesellschaftliche Bewegung.
Eine scheinbare Selbstverständlichkeit.
Etwas passt nicht vollständig in das, was bereits darüber gedacht, gesagt oder erwartet wird.
Es bleibt hängen.
Daraus entsteht noch kein Thema.
Noch kein Konzept.
Und noch kein Werk.
Es beginnt ein Ringen.
Wahrnehmen. Wieder hinsehen. Zögern. Lesen. Sprechen. Recherchieren. Fotografieren. Schreiben. Schneiden. Ordnen. Verwerfen. Verbinden. Das Medium wechseln.
Erst im Verlauf zeigt sich, welche Form eine Arbeit annimmt.
Manchmal entsteht ein Bild.
Manchmal ein Film.
Ein Text.
Ein Song.
Eine Edition.
Eine räumliche Arbeit.
Eine Untersuchung.
Manchmal führt das Ringen zu CMG.
Und manchmal entsteht nichts, das weitergeführt werden muss.
ETWAS TRIFFT.
NOCH IST NICHT ENTSCHIEDEN, WAS DARAUS WIRD.
REIZ AUFMERKSAMKEIT RINGEN ZÖGERN VERSCHIEBEN FORM
Der Ausgangspunkt ist häufig etwas Vorgefundenes.
Nicht die Suche nach einem Thema, sondern eine Begegnung.
Etwas irritiert.
Etwas widerspricht einer vorhandenen Ordnung.
Etwas erscheint selbstverständlich und wird gerade deshalb fragwürdig.
Oder etwas zieht Aufmerksamkeit an, ohne dass bereits verständlich wäre, warum.
Der Reiz kann klein sein.
Eine Form auf einer Verpackung.
Eine Formulierung in einer Zeitung.
Ein Gesicht.
Ein Geräusch.
Eine Bewertung.
Eine Zahl.
Eine Geste.
Eine Reaktion im öffentlichen Raum.
Ein Essen.
Eine Landschaft.
Ein Satz in einem Gespräch.
Ein Material in der Hand.
Nicht seine vermeintliche gesellschaftliche Bedeutung entscheidet darüber, ob daraus eine Arbeit entsteht.
Entscheidend ist, ob etwas zurückbleibt.
Der Reiz ist noch nicht das Thema.
Er ist der Punkt, an dem Aufmerksamkeit nicht weitergeht.
Nicht jeder Reiz wird verfolgt.
Vieles verschwindet wieder.
Manches kehrt zurück.
Ein Bild taucht Stunden später erneut auf.
Ein Satz bleibt im Kopf.
Eine Beobachtung verbindet sich mit etwas Älterem.
Eine Erinnerung verändert ihre Bedeutung.
Ein Gegenstand wird noch einmal angesehen.
Eine Frage lässt sich nicht mit der ersten Erklärung beruhigen.
An dieser Stelle beginnt die eigentliche Arbeit.
Nicht mit einer Behauptung.
Sondern mit Aufmerksamkeit.
Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei nicht nur auf den Gegenstand.
Sie richtet sich zunehmend auch darauf, warum dieser Gegenstand überhaupt Aufmerksamkeit bindet.
Nicht alles, was erscheint, wird Arbeit.
Arbeit beginnt dort, wo etwas nicht einfach wieder verschwindet.
Aufmerksamkeit allein erzeugt noch keine Form.
Es beginnt ein Ringen mit dem Vorgefundenen.
Eine erste Erklärung wird ausprobiert.
Und wieder verworfen.
Ein Zusammenhang scheint plausibel.
Dann trägt er nicht mehr.
Etwas wird recherchiert.
Ein anderes Material kommt hinzu.
Eine Gegenposition verändert die ursprüngliche Richtung.
Eine persönliche Erinnerung mischt sich ein.
Ein gesellschaftlicher Zusammenhang wird sichtbar.
Ein Detail widerspricht der eigenen Annahme.
Dieses Ringen kann sprachlich sein.
Materiell.
Visuell.
Körperlich.
Konzeptionell.
Oder gleichzeitig auf mehreren Ebenen stattfinden.
Es dient nicht dazu, möglichst schnell zu einer eindeutigen Aussage zu gelangen.
Es hält die Sache lange genug in Bewegung, damit nicht nur bestätigt wird, was ohnehin schon gedacht wurde.
Die erste plausible Erklärung ist noch nicht die Arbeit.
Auch die autorische Position kann Teil des Verfahrens werden. Beobachten, körperlich reagieren, stören, mit begrenztem Wissen arbeiten oder mit generativen Systemen ringen verändern die Bedingungen, aus denen eine Arbeit entsteht.
Zögern ist in dieser Arbeitsweise kein Mangel an Entscheidung.
Es ist ein produktiver Zustand.
Eine Form muss nicht gewählt werden, nur weil sie verfügbar ist.
Eine Antwort muss nicht übernommen werden, nur weil sie plausibel klingt.
Ein Bild muss nicht veröffentlicht werden, nur weil es gelungen erscheint.
Ein Gedanke muss nicht zum Werk werden, nur weil er formulierbar geworden ist.
Das Zögern schafft Zeit zwischen Reiz und Übernahme.
In diesem Zwischenraum kann geprüft werden:
Zögern verhindert nicht die Entscheidung.
Es verhindert, dass die erste Möglichkeit mit der notwendigen Form verwechselt wird.
NOCH NICHT ist keine Verweigerung der Form.
Es ist die Zeit, in der die Form noch wechseln darf.
Ein Reiz verändert sich, wenn seine Bedingungen verändert werden.
Ein Text wird gesprochen.
Ein Bild wird unscharf.
Eine Fotografie wird aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst.
Eine Zahl wird verdeckt.
Ein Geschmack wird vor seiner Herkunft erfahren.
Ein Satz wird zum Song.
Eine Aufnahme wird geschnitten.
Ein Material wird gebogen.
Eine Information erscheint später als erwartet.
Etwas wird verkleinert.
Vergrößert.
Wiederholt.
Getrennt.
Neben etwas anderes gestellt.
Diese Verschiebungen sind keine bloßen Gestaltungseffekte.
Sie sind Werkzeuge der Untersuchung.
Durch eine Veränderung der Form kann sichtbar werden, was im ursprünglichen Zusammenhang verborgen geblieben ist.
Nicht nur der Gegenstand wird untersucht.
Auch die Bedingungen seiner Wahrnehmung werden verändert.
Die Arbeit besitzt kein bevorzugtes Medium.
Das Medium wird nicht vor dem Gegenstand festgelegt.
Es ergibt sich aus dem, was untersucht oder hervorgebracht werden soll.
trägt Bewegung und Zeit.
isoliert einen Moment.
trägt Stimme, Rhythmus, Pause und Nähe.
unterscheidet, verdichtet und widerspricht.
ordnet Relationen.
setzt dem Körper unmittelbaren Widerstand entgegen.
führt Einzelspuren in einen Zusammenhang.
stellt eine Begegnung her.
macht etwas erfahrbar, das sich nicht vollständig darstellen lässt.
Deshalb kann dieselbe Untersuchung zwischen mehreren Medien wandern.
Nicht jede Übersetzung ersetzt die vorherige.
Manchmal entstehen aus einem Reiz mehrere eigenständige Arbeiten.
Die Form folgt nicht einer Medienzugehörigkeit.
Sie folgt dem, was die Arbeit verlangt.
Irgendwann verändert sich das Verhältnis.
Der Reiz wird nicht mehr nur untersucht.
Etwas beginnt, selbst zu stehen.
Ein Bild trägt.
Ein Satz braucht keine weitere Erklärung.
Ein Schnitt erzeugt einen eigenen Rhythmus.
Eine Folge von Fotografien bildet einen Zusammenhang.
Ein Materialzustand lässt sich nicht mehr auf seine Entstehung reduzieren.
Ein Song ist nicht länger nur Verdichtung einer Recherche.
Eine Edition wird zu einem eigenen Werkraum.
Dieser Übergang lässt sich nicht vollständig planen.
Er ist auch kein objektiver Endpunkt.
Die künstlerische Entscheidung besteht darin zu erkennen, wann etwas nicht mehr nur Material einer Untersuchung ist, sondern als Arbeit verantwortet werden kann.
Eine Untersuchung kann ein Werk hervorbringen.
Aber ein Werk ist mehr als die Dokumentation seiner Untersuchung.
Eine eigenständige künstlerische Arbeit entsteht, ohne dass CMG für ihren Zusammenhang notwendig ist.
Eine Frage bleibt über mehrere Medien, Situationen oder Arbeiten hinweg offen und wird weiterverfolgt.
Mehrere Arbeiten entwickeln eine gemeinsame formale, materielle oder inhaltliche Beziehung.
Im Ringen wird erkennbar, dass der Reiz eine Wahrnehmungsschließung berührt und sich mit der CMG-Architektur untersuchen lässt.
Nicht jeder Reiz muss verwertet werden. Auch das Verwerfen gehört zur Arbeit.
NICHT JEDE ARBEIT ENTSTEHT AUS CMG.
CMG IST AUS DIESER ART ZU ARBEITEN ENTSTANDEN.
CMG setzt nicht automatisch bei jedem gesellschaftlichen Thema, jeder Irritation oder jedem interessanten Gegenstand ein.
Entscheidend ist ein spezifischer Schnitt.
Im Ringen zeigt sich:
Hier geht es nicht nur darum, was gesehen, gelesen, gehört oder beurteilt wird.
Es geht darum, wie schnell eine vorhandene Ordnung bereits Wahrnehmung, Bedeutung oder Handlung übernommen hat.
Dann verändert sich die Frage.
Nicht mehr:
Was denke ich über diesen Gegenstand?
Sondern:
Was wurde hier bereits übernommen, bevor eigene Wahrnehmung stattfinden konnte?
An dieser Stelle kann aus einer offenen künstlerischen Recherche eine CMG-Untersuchung werden.
CMG stellt dafür einen inzwischen entwickelten Apparat bereit.
Es hilft, die Stelle der Schließung genauer zu bestimmen und daraus eine Situation zu bauen, in der diese Schließung vollziehbar untersucht werden kann.
CMG wird damit nicht nachträglich auf jedes Werk angewendet.
Es kommt dort zum Einsatz, wo seine besondere Architektur tatsächlich gebraucht wird.
CMG IST KEIN FILTER, DURCH DEN JEDES WERK MUSS.
ES IST EIN APPARAT FÜR EINE BESTIMMTE FORM DER UNTERSUCHUNG.
VERFAHREN HEUTE
Wenn sich im Ringen eine spezifische Wahrnehmungsschließung als eigentlicher Schnitt zeigt, kann die CMG-Architektur eingesetzt werden.
ATLASSETZUNGFRAGEVOLLZUGSPUR
Der Atlas bestimmt den strukturellen Schnitt. Nicht nur: Worum geht es? Sondern: Was übernimmt hier bereits Wahrnehmung, Bewertung, Tempo, Normalität, Sichtbarkeit, Messung, Vergleichbarkeit, Automatisierung oder Antwort?
Der Atlas findet den Schnitt.
Etwas wird verdeckt, verzögert, entzogen, hinzugefügt oder anders angeordnet. Der Schnitt wird nicht erklärt. Er wird betretbar.
Die Setzung öffnet ihn.
Die Frage verlangt nicht möglichst schnell eine Antwort. Sie hält die entstandene Öffnung beweglich: Was fiel zuerst auf? Was wurde bereits angenommen? Woran wurde es festgemacht? Was verändert eine neue Bedingung? Was lässt sich prüfen? Was bleibt offen?
Die Frage hält ihn in Bewegung.
CMG geschieht nicht im Atlas und nicht in der Theorie. Es geschieht im Vollzug: sehen, hören, berühren, warten, schmecken, verdecken, wieder ansehen, vergleichen, widersprechen, entscheiden, noch nicht entscheiden.
Der Vollzug macht ihn erfahrbar.
Die Untersuchung endet nicht mit der richtigen Antwort. Es kann etwas bleiben: ein Satz, eine Irritation, ein körperlicher Eindruck, eine verworfene Annahme, eine neue Frage, ein später verändertes Handeln.
Die Spur trägt ihn weiter.
DER ATLAS FINDET DEN SCHNITT.
DIE SETZUNG ÖFFNET IHN.
DIE FRAGE HÄLT IHN IN BEWEGUNG.
DER VOLLZUG MACHT IHN ERFAHRBAR.
DIE SPUR TRÄGT IHN WEITER.
Auch mit einer entwickelten Architektur wird die Arbeit nicht zu einem standardisierten Ablauf.
CMG liefert keine Maschine zur Herstellung von Werken.
Der Atlas kann einen Schnitt anbieten, der sich später als unergiebig erweist.
Eine Setzung kann verworfen werden.
Eine Frage kann zu stark lenken.
Ein Medium kann sich als falsch herausstellen.
Eine Untersuchung kann zurück in eine freie künstlerische Arbeit führen.
Oder etwas, das zunächst außerhalb von CMG entstand, kann später für die Entwicklung des Systems wichtig werden.
Deshalb bleibt auch nach der Entwicklung von CMG das Ringen bestehen.
Das System ersetzt die künstlerische Entscheidung nicht.
Es macht bestimmte Entscheidungen genauer prüfbar.
Das Verfahren führt nicht sicher zum Werk.
Es hält die Arbeit lange genug in Bewegung, damit eine Form hervortreten kann.
REIZAUFMERKSAMKEITRINGENZÖGERNVERSCHIEBENFORM
Eine eigenständige künstlerische Arbeit.
Eine offene Frage, weiterverfolgt.
Mehrere Arbeiten in Beziehung.
Ein Schnitt, der die Architektur braucht.
Nicht jeder Reiz muss weitergeführt werden.
Wenn sich im Prozess eine Wahrnehmungsschließung als eigentlicher Schnitt zeigt:
ATLASSETZUNGFRAGEVOLLZUGSPUR
DIE KÜNSTLERISCHE ARBEITSWEISE IST GRÖSSER ALS CMG.
CMG IST AUS DIESER ARBEITSWEISE HERVORGEGANGEN.
Woher kommt das Werk? Die Seite /werk beschreibt den größeren künstlerischen Zusammenhang und die Erfahrungen, aus denen CMG hervorgegangen ist.
Wie entsteht eine Arbeit? Diese Seite beschreibt die Bewegung vom Reiz über Ringen und Verschiebung zur möglichen Form.
Welche Fragen werden über einzelne Arbeiten hinaus verfolgt? /forschung versammelt Forschungsfelder. Nicht jede Forschung gehört zu CMG.
ETWAS TRIFFT.
DARAUS MUSS NOCH NICHTS WERDEN.
Erst Aufmerksamkeit macht aus einem Reiz eine mögliche Arbeit.
Das Ringen hält sie offen.
Die Form entsteht im Verlauf.
Und manchmal wird daraus CMG.