MAQLUBA. ES SCHMECKTE. ES ERSCHIEN NICHT.
Was bleibt von einem Gericht, wenn sich die Art verändert, wie es auf den Tisch kommt?
Die Audioarbeit richtet die Aufmerksamkeit auf den Moment des Stürzens von Maqluba. Das Gericht bleibt als Lebensmittel vorhanden, während die künstlerische Setzung einen möglicherweise ausgelassenen kulturellen Vollzug untersucht.
Die Audioarbeit ist eine künstlerische Behauptung, kein bereits belegtes Forschungsergebnis.
Eigenständige Audioarbeit
MAQLUBA. ES SCHMECKTE. ES ERSCHIEN NICHT.
2:54
Transkript
es schmeckte aber es erschien nicht
maqluba heißt umgekehrt heißt gestürzt heißt der Moment in dem das Gericht sich zeigt
nicht die Zutaten nicht der Geschmack der Moment in dem alle warten in dem alle schauen in dem die Hand den Topf umdreht
das ist kein Vorgang das ist eine Geste
portioniert ausgegeben serviert fertig
das Lebensmittel ist erhalten geblieben
was ist verschwunden
die Spannung vor dem Stürzen der gemeinsame Blick das Sichtbarwerden die Hand der Gastgeberin der Tisch der wartet
ritual erzählung gastlichkeit beziehung
alles da nichts erschienen
ist Geschmack alles was serviert wird
wer entscheidet welche Vollzüge in Kantinen bleiben welche aus Effizienzgründen verschwinden
nicht das Gericht wurde vereinfacht der kulturelle Vollzug wurde ausgelassen
es schmeckte aber es erschien nicht
was bleibt von einem Gericht wenn sein Ritual verschwindet
es schmeckte
aber es erschien nicht
Am 28. Juni 2026 entstand eine Audioarbeit über Maqluba. Ihr Ausgangspunkt ist eine einfache Beobachtung, die zugleich eine Behauptung enthält: Ein Gericht kann schmecken, obwohl etwas von dem, was wir mit seiner Erscheinung verbinden, ausbleibt.
Maqluba bedeutet sinngemäß „umgedreht“. Bei einer verbreiteten Form der Zubereitung wird das fertige Gericht aus dem Topf auf eine Platte gestürzt. Was zuvor verborgen war, wird sichtbar. Die Anordnung der Zutaten zeigt sich erst durch die Handlung des Umdrehens.
Der Topf wird angehoben.
Das Gericht erscheint.
In diesem Augenblick wird nicht nur eine Speise präsentiert. Es kann ein Moment gemeinsamer Aufmerksamkeit entstehen.
Doch was geschieht, wenn dieser Moment ausbleibt? Wenn die Speise auf den Tisch kommt, ohne dass die Handlung des Stürzens stattfindet? Das Essen ist vorhanden. Die Zutaten sind vorhanden. Der Geschmack kann derselbe sein.
Fehlt überhaupt etwas?
Und falls etwas fehlt: Was genau?
Die Audioarbeit setzt an diesem Widerspruch an. Es schmeckte. Aber es erschien nicht. Dieser Satz ist keine abschließende Aussage über Maqluba oder die Menschen, die es zubereiten und essen. Er ist eine künstlerische Setzung. Eine Irritation, aus der eine Untersuchung entsteht.
Hier beginnt die Untersuchung.
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01
Was nehme ich wahr?
Wenn wir ein Gericht essen, nehmen wir mehr wahr als seinen Geschmack. Wir sehen eine Form, erkennen Farben, riechen Gewürze, hören Geräusche, berühren Besteck oder Lebensmittel und erleben eine bestimmte Situation. Wir sitzen möglicherweise allein an einem Tisch. Vielleicht essen wir mit anderen. Vielleicht wird das Essen serviert, vielleicht nehmen wir es uns selbst. All das gehört zur Erfahrung einer Mahlzeit.
Doch nicht alles wird uns gleichermaßen bewusst. Häufig richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf das, was wir unmittelbar erwarten: den Geschmack, die Qualität der Zutaten, die Menge, die Temperatur oder die Frage, ob uns etwas gefällt. Die Bedingungen, unter denen wir essen, erscheinen dagegen selbstverständlich. Ein Teller steht vor uns. Wir greifen zum Besteck. Wir beginnen. Was zuvor geschah, bleibt möglicherweise außerhalb unserer Wahrnehmung.
Bei Maqluba wird für mich eine bestimmte Handlung interessant: das Umdrehen des Topfes. Sie verändert nicht notwendigerweise die Zutaten, wohl aber ihre Erscheinung. Aus etwas Verborgenem wird etwas Sichtbares. Eine Handlung markiert einen Übergang. Vorher befindet sich das Gericht im Topf. Danach liegt es offen auf der Platte.
Doch warum messe ich gerade diesem Moment eine Bedeutung bei? Was nehme ich tatsächlich wahr, und was füge ich durch meine Vorstellung hinzu? Ich bemerke, dass sich meine Aufmerksamkeit bereits auf eine bestimmte Form der Präsentation richtet. Ich habe ein Bild davon, wie Maqluba erscheinen könnte. Dieses Bild beeinflusst meine Erwartung. Damit beginnt die Untersuchung nicht erst beim Gericht. Sie beginnt bei meiner Wahrnehmung.
Was sehe ich – und was erwarte ich zu sehen?
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02
Was irritiert mich?
Der Satz „Es schmeckte. Aber es erschien nicht“ enthält einen Widerspruch. Auf der einen Seite steht eine positive sinnliche Erfahrung. Es schmeckte. Auf der anderen Seite steht das Gefühl, dass etwas ausgeblieben sein könnte. Es erschien nicht. Doch was bedeutet dieses Nicht-Erscheinen? Das Gericht ist schließlich vorhanden. Niemand muss das Essen erst durch eine bestimmte Präsentation zu etwas Essbarem machen. Der Geschmack ist nicht zwingend an das sichtbare Umdrehen des Topfes gebunden.
Warum beschäftigt mich die fehlende Handlung trotzdem? Vielleicht, weil ich mit Maqluba nicht nur eine Zusammensetzung von Lebensmitteln verbinde. Vielleicht erwarte ich auch einen bestimmten Ablauf. Ein Vorher und Nachher. Einen Moment des Wartens. Eine Geste. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden. Ein gemeinsames Wahrnehmen.
Damit verschiebt sich die erste Irritation. Es geht nicht mehr ausschließlich um die Frage, ob das Gericht richtig oder falsch serviert wurde. Mich interessiert vielmehr, warum ich eine bestimmte Handlung für bedeutsam halte. Habe ich eine kulturelle Vorstellung übernommen? Hat sich ein Bild in meinem Denken festgesetzt? Oder verweist die Handlung tatsächlich auf Erfahrungen, die über das Essen hinausgehen?
Ich kann diese Fragen nicht beantworten, indem ich lediglich auf den Teller schaue. Und ich kann aus meiner Irritation nicht schließen, dass andere Menschen denselben Verlust empfinden.
Meine Irritation ist ein Ausgangspunkt. Sie ist noch keine Erkenntnis über die Bedeutung der Situation für andere.
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03
Was wirkt bereits?
WHAT DIRECTS?
Wir begegnen einer Situation nicht ohne Voraussetzungen. Noch bevor wir etwas sehen, schmecken oder beurteilen, wirken bereits Erfahrungen, Erinnerungen, Erwartungen und Bilder. Ein Gericht besitzt für uns häufig eine Bedeutung, bevor wir es überhaupt probieren. Wir haben vielleicht davon gehört. Wir haben Fotografien gesehen. Wir kennen seinen Namen. Wir verbinden es mit einer Region, einer Familie, einer bestimmten Zubereitung oder einem kulturellen Zusammenhang. Diese Vorstellungen lenken unsere Aufmerksamkeit. Sie bestimmen mit, worauf wir achten und was wir übersehen.
Bei Maqluba könnte genau das geschehen sein. Der Name verweist auf das Umdrehen. Bilder des gestürzten Gerichts können eine Erwartung erzeugen. Die Präsentation wird möglicherweise zu einem wesentlichen Bestandteil dessen, was ich für Maqluba halte. Doch wer hat diese Vorstellung geprägt? Eigene Erfahrung? Erzählungen anderer? Fotografien und Videos? Eine wiederholte Darstellung in digitalen Medien? Und wann wird aus einer Darstellung eine vermeintlich verbindliche Regel?
Mich interessiert dieser Übergang. Eine bestimmte Form wird sichtbar. Sie wird wiederholt. Sie wird wiedererkannt. Schließlich erscheint sie selbstverständlich. Was ursprünglich nur eine mögliche Form war, kann zum Maßstab werden, an dem wir andere Formen beurteilen. Dabei können wir übersehen, dass kulturelle Praktiken nicht unveränderlich sind. Sie unterscheiden sich zwischen Familien, Regionen, Generationen und konkreten Situationen. Auch eine Zubereitung, die uns ungewöhnlich erscheint, kann für die Beteiligten vollkommen selbstverständlich sein.
Ich muss deshalb meine eigene Erwartung untersuchen. Nicht nur: Warum wurde das Gericht möglicherweise nicht gestürzt? Sondern: Warum erwarte ich überhaupt, dass es gestürzt werden muss? Die Frage WHAT DIRECTS? richtet sich in diesem Moment auch an mich.
Was gibt meiner Wahrnehmung Richtung?
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04
Was ist ein kultureller Vollzug?
Ein Gericht besteht aus Zutaten. Aber eine Mahlzeit besteht nicht ausschließlich aus Lebensmitteln. Menschen bereiten etwas vor. Sie wählen aus. Sie schneiden, kochen, würzen und richten an. Sie stellen etwas auf den Tisch. Sie rufen andere zum Essen. Sie warten, beginnen, reichen weiter oder nehmen sich selbst. Dabei entstehen Abläufe, die oft über lange Zeit eingeübt wurden. Viele dieser Handlungen geschehen, ohne dass wir ausdrücklich über sie nachdenken. Sie sind Teil unseres Alltags.
Mich interessiert, was geschieht, wenn wir solche Handlungen nicht nur als notwendige Vorbereitung betrachten, sondern als kulturelle Vollzüge. Ein kultureller Vollzug ist für meine Untersuchung kein festes Objekt. Er findet im Handeln statt. Menschen tun etwas. Sie tun es in einer bestimmten Situation, unter bestimmten Bedingungen und im Verhältnis zueinander. Die Bedeutung einer Handlung liegt deshalb nicht allein in ihrer sichtbaren Form. Sie kann auch daraus entstehen, wer sie ausführt, wer beteiligt ist, welche Erwartungen bestehen und welche Erinnerungen damit verbunden sind.
Das Stürzen von Maqluba kann beispielsweise eine praktische Handlung sein. Es kann zugleich eine Präsentation sein. Es kann Aufmerksamkeit erzeugen. Möglicherweise verbindet es Menschen mit vertrauten Erfahrungen. Doch welche dieser Bedeutungen tatsächlich entstehen, lässt sich nicht allein aus der Bewegung des Topfes ableiten. Dafür müsste ich die Beteiligten befragen, ihnen zuhören und unterschiedliche Situationen beobachten. Eine Geste ist nicht automatisch ein Ritual. Und ein Ritual hat nicht für alle Menschen dieselbe Bedeutung. Auch das Auslassen einer Handlung bedeutet nicht notwendigerweise, dass eine kulturelle Erfahrung verloren geht. Vielleicht verändert sich nur die Form. Vielleicht entstehen andere Gesten. Vielleicht spielt der Vorgang für die Beteiligten überhaupt nicht die Rolle, die ich ihm zunächst zuschreibe.
Das führt mich zu einer grundlegenden Frage:
Entsteht kulturelle Bedeutung durch die sichtbare Form einer Handlung oder durch das, was Menschen im gemeinsamen Handeln erfahren?
Vermutlich lässt sich beides nicht immer voneinander trennen. Aber gerade diese Beziehung möchte ich genauer untersuchen.
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05
Was widerspricht meiner Annahme?
Meine ursprüngliche Setzung deutet einen Verlust an. Es schmeckte. Aber es erschien nicht. Darin liegt die Vorstellung, dass zum Gericht möglicherweise mehr gehört als sein Geschmack. Diese Vorstellung erscheint mir zunächst plausibel. Doch eine plausible Vorstellung muss nicht richtig sein.
Was spricht gegen meine Annahme? Vielleicht wird Maqluba in verschiedenen Haushalten unterschiedlich serviert. Vielleicht wird ein Gericht nicht bei jeder Gelegenheit sichtbar gestürzt. Vielleicht entstehen Gemeinschaft und Gastlichkeit auch dann, wenn alle Beteiligten bereits mit der Zubereitung vertraut sind. Vielleicht ist die Handlung des Stürzens vor allem für denjenigen besonders bedeutsam, der sie zum ersten Mal erlebt. Vielleicht entsteht ihre Bedeutung sogar durch die Erwartung eines Außenstehenden.
Wenn ich das Stürzen zum entscheidenden Merkmal erkläre, könnte ich unbeabsichtigt eine einzige Präsentationsform über andere stellen. Ich würde möglicherweise das wiederholen, was ich eigentlich untersuchen möchte: die Verwandlung einer Vorstellung in einen scheinbar selbstverständlichen Maßstab. Das ist ein wesentlicher Widerspruch. Ich frage nach kultureller Bedeutung und laufe gleichzeitig Gefahr, sie selbst festzulegen.
Damit verändert sich meine Position. Ich möchte nicht entscheiden, wie Maqluba richtig auf den Tisch kommen muss. Ich möchte verstehen, welche Rolle unterschiedliche Handlungen in unterschiedlichen Situationen spielen können. Vielleicht ist der sichtbare Moment des Umdrehens wichtig. Vielleicht ist er nebensächlich. Vielleicht wird er erst durch die anwesenden Menschen bedeutsam. Vielleicht entsteht das Entscheidende bereits beim gemeinsamen Kochen. Oder erst beim Essen. Ich kann das nicht voraussetzen. Ich muss offenlassen, dass meine erste Deutung zu eng war.
Nicht das Ausbleiben einer erwarteten Handlung beweist einen Verlust. Es macht zunächst meine eigene Erwartung sichtbar. Damit wird der Zweifel produktiv. Er beendet die Untersuchung nicht. Er verändert ihre Richtung.
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06
Eine andere Situation. Speisen teilen in Galicien
Was teilen wir, wenn wir Essen teilen?
Eine andere Esssituation eröffnet mir eine weitere Perspektive. In Galicien können Speisen gemeinsam auf den Tisch kommen, von denen mehrere Menschen essen oder sich etwas nehmen. Brot begleitet die Mahlzeit. Teller, Schalen und Platten werden in die Mitte gestellt. Menschen greifen zu, reichen etwas weiter oder warten aufeinander. Diese Form des gemeinsamen Essens ist nicht auf Galicien beschränkt und beschreibt auch dort nicht jede Mahlzeit. Mich interessiert sie als konkrete mögliche Situation, in der die Handlungen rund um das Essen sichtbar werden.
Was geschieht zwischen den Menschen, während sie essen? Jemand reicht Brot weiter. Ein anderer stellt eine Platte näher zur Tischmitte. Jemand bemerkt, dass ein Gast noch nichts genommen hat. Eine Person wartet. Eine andere beginnt. Es sind kleine Handlungen. Keine davon muss besonders hervorgehoben werden. Und doch können sie das gemeinsame Essen gestalten.
Wie unterscheidet sich diese Situation von dem Moment, auf den ich bei Maqluba zunächst meine Aufmerksamkeit gerichtet habe? Beim Stürzen eines Gerichts kann sich die Aufmerksamkeit auf einen herausgehobenen Augenblick konzentrieren. Bei einer gemeinsam geteilten Mahlzeit kann Bedeutung über viele kleine Handlungen verteilt entstehen. Es gibt möglicherweise keinen einzelnen Moment, in dem das Essen feierlich erscheint. Stattdessen entwickelt sich die Erfahrung während des gesamten Zusammenseins. Das heißt nicht, dass Maqluba und galicische Essgewohnheiten gleich wären. Es bedeutet auch nicht, dass die eine Kultur gemeinschaftlicher wäre als die andere. Mich interessiert ein anderer Zusammenhang.
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07
Der Körper ist beteiligt
Essen bleibt in dieser Untersuchung leicht ein Satz und ein Bild. Der Körper kommt darin nur vor, wo das Transkript ihn nennt.
Eine Hand.
Ein Blick.
Ein Warten.
Ein Tisch.Ich nehme das als Hinweis, nicht als Beschreibung einer Mahlzeit. Menschen riechen, schmecken, greifen, reichen weiter, warten, bewegen sich und reagieren auf andere. Bedeutung kann in diesen Handlungen entstehen, ohne dass jemand sie vorher erklärt.
Was lässt sich körperlich erfahren, das eine Beschreibung oder ein Foto allein nicht vermittelt? Zumindest dies wäre zu beobachten: ob gewartet wird, wer zuerst greift, ob eine Speise in der Mitte steht oder schon verteilt ist, ob die Aufmerksamkeit beim Essen oder bei der Geste liegt. Davon habe ich hier keine Aufzeichnung. Die Audioarbeit spricht davon. Sie ersetzt die Erfahrung nicht.
Was verändert sich, wenn Menschen selbst handeln, statt nur eine Darstellung zu betrachten? Die Frage richtet sich auch an mich. Solange ich den Topf nur als Bild setze, beurteile ich eine Darstellung. Sobald Hände, Warten und Weiterreichen ins Spiel kommen, ist nicht mehr sicher, welcher Moment der entscheidende ist.
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08
Und was ist mit mir?
Ich stehe nicht außerhalb. Die Audioarbeit ist von mir. Konzeption, Text und künstlerische Verantwortung liegen bei mir. Wenn sie das Stürzen hervorhebt, habe ich diese Hervorhebung gewählt.
Warum gerade diesen Moment? Weil er sich zeigen lässt. Eine Hand, ein Topf, ein gemeinsamer Blick sind bildhaft. Das Portionieren danach wirkt in meiner Setzung wie der Verlust dieses Bildes. Damit habe ich eine Präsentation schon zur kulturellen Norm erklärt, bevor ich geprüft habe, ob die Menschen am Tisch sie überhaupt so verstehen.
Was ich möglicherweise übersehen habe: den Geschmack, den der erste Satz noch gelten lässt. Die Fürsorge im Ausgeben. Die Kantine nicht nur als Verfall, sondern als eine andere Form, Essen zu teilen. Und meine eigene Erwartung, die schon Richtung hat, bevor ich wahrnehme.
Die Beschäftigung verändert meine Wahrnehmung an einem Punkt. Ich höre die Arbeit nicht mehr nur als Klage über ein ausgelassenes Ritual. Ich höre sie als eine Frage, die ich an mich zurückgeben muss.
Welche Norm trage ich an den Tisch heran?
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09
Was verändert sich?
Was verschwindet, wenn ein Ritual ausgelassen wird?
Die erste Frage sucht einen Verlust. Sie setzt voraus, dass das Stürzen ein Ritual ist und dass sein Ausbleiben etwas verschwinden lässt. Dorthin hat mich die Audioarbeit geführt. Der Satz stellt Geschmack und Erscheinen gegeneinander. Das Transkript zählt auf, was fehlen soll. Spannung, Blick, Sichtbarwerden, Hand, Tisch.
Dagegen steht, was ich nicht halten kann. Ich habe das Ausbleiben nicht bei Beteiligten geprüft. Ich kann Gastlichkeit nicht an eine einzige Geste binden, wenn dieselbe Arbeit sagt, dass Gastlichkeit schon im Noch-Nicht möglich ist. Der Widerspruch gegen die erste Annahme und die andere Situation des Teilens verschieben das Gewicht. Nicht mehr das fehlende Bild ist die einzige Frage. Die Frage wird, durch welche Handlungen Menschen einander etwas zu essen geben, und was ich davon vorher schon festgelegt habe.
Die Ausgangsfrage bleibt stehen. Sie wird nicht nachträglich zum Irrtum erklärt. Sie ist der Punkt, von dem die Arbeit ausgeht. Nur trägt sie nicht mehr allein.
Wie entstehen Gastlichkeit, Gemeinschaft und Bedeutung durch das, was Menschen miteinander tun?
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10
Wie untersuche ich weiter?
DER TISCH DAVOR.
Experimenteller Entwurf, noch nicht durchgeführt.
Was verändert sich, wenn wir nicht nur auf das Essen achten, sondern auf die Handlungen, durch die es geteilt wird?
Eine gemeinsame Mahlzeit könnte in unterschiedlichen räumlichen und materiellen Anordnungen betrachtet werden. Noch nicht durchgeführt, nur als Entwurf: einzelne Teller, gemeinsam angerichtete Speisen in der Tischmitte, eine verdeckte Speise, ein noch nicht geöffnetes oder serviertes Gericht, ein gemeinsamer Serviervorgang, ein Gegenstand, der weitergereicht wird, und eine Situation, in der Menschen zunächst warten.
Beobachtet werden können Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Handlungen, Entscheidungen, Erwartungen, Umgang mit Material, Gespräche und Veränderungen im gemeinsamen Handeln.
Keine Ergebnisse. Keine Beobachtungen. Der Materialraum ist kein bestehendes öffentliches Format und kein eigenes Werk. Eine Verbindung zu einem CMG Materialraum ist hier nur die Richtung, nicht eine durchgeführte Situation.
Untersuchungsverlauf
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Ausgang ·
Künstlerischer Ausgangsimpuls
Bezug zum bisherigen Stand
Audio-Setzung im Kontext UN/INFORM, UN/HEARD und UN/TASTE.
Beobachtung
es schmeckte
aber es erschien nicht
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Spätere Wiederaufnahme · Perspektivverschiebung ·
Redaktioneller Untersuchungsentwurf
Bezug zum bisherigen Stand
Entwurfsdatum der ersten ausführlichen Untersuchung. Kein Datum durchgeführter Feldforschung.
Beobachtung
Erste Untersuchung der Beziehung zwischen Geschmack, Ritual, Gastlichkeit und gemeinsamem Handeln.
Frühere Annahme
Mit dem ausgelassenen Stürzen sei etwas Wesentliches verschwunden.
Veränderte Annahme
Die Frage verschiebt sich darauf, wie Gastlichkeit, Gemeinschaft und Bedeutung durch gemeinsames Handeln entstehen. Ob die erste Annahme stimmt, ist nicht entschieden.
Wo steht die Untersuchung heute?
Die Untersuchung hat mit der möglichen Auslassung eines kulturellen Vollzugs begonnen.
Sie führt inzwischen zur Frage, wie Menschen durch gemeinsame Handlungen Beziehungen gestalten.
Die konkrete Bedeutung dieser Gesten für Beteiligte muss durch weitere Beobachtungen und Gespräche untersucht werden.
Gegenüber dem Ausgangsimpuls hat sich nicht das Gericht geändert, sondern die Frage. Zuerst suchte ich, was verschwindet, wenn das Stürzen ausbleibt. Diese Annahme ist problematisch geworden. Sie bindet Bedeutung an eine Geste und erklärt anderes Servieren vorschnell zum Verlust. Neu hinzugekommen ist die Perspektive auf die Handlungen, durch die Menschen Beziehungen und Bedeutung überhaupt gestalten. Dazu gehören Teilen, Warten, Weiterreichen und die Erwartung, die ich selbst an den Tisch mitbringe.
Ungeklärt bleibt, was Beteiligte in einem solchen Moment tatsächlich wahrnehmen. Weitere Erfahrungen wären nötig: Gespräche, eine genau festgehaltene Mahlzeit, und erst dann ein Versuch wie DER TISCH DAVOR. Nichts davon ist durchgeführt.
Was teilen wir, wenn wir Essen teilen?
ICH UNTERSUCHE. UND ICH TEILE.
Offene Fragen
Was teilen wir, wenn wir Essen teilen?
Beziehungen — andere Situationen, verwandte Fragen
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Gemeinsames Material
DAS LOCH IM BROT.
Beide Untersuchungen gehen von einem vertrauten Lebensmittel aus und fragen, was an ihm selbstverständlich scheint. Beim Brot ist es die Form und das, was als Mangel gelesen wird. Bei Maqluba ist es die Art, wie ein Gericht auf den Tisch kommt. Das Loch im Brot öffnet die Frage, ob eine Gewohnheit schon Bedeutung ist oder erst im Umgang mit dem Lebensmittel entsteht.
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Vergleichbare Erfahrung
DER GESCHMACK WAR SCHON DA.
Die Arbeit fragt, wie Geschmack erinnert, inszeniert und zugeschrieben wird. Maqluba beginnt mit einem Geschmack, der behauptet wird, und einem Erscheinen, das ausbleibt. Der Vergleich hindert mich, Geschmack für das Ganze zu halten. Er kann schon von Bildern und Erzählungen gerichtet sein, bevor etwas auf dem Tisch steht.
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Gemeinsame Frage
0,0 IST KEINE UNSCHULD.
Was geschieht, wenn ein Lebensmittel erhalten bleibt, sich aber sein kultureller Vollzug verändert?
Was geschieht, wenn ein Lebensmittel erhalten bleibt, sich aber sein kultureller Vollzug verändert?