WANN WIRD AUS EINER HANDLUNG EINE HERKUNFT?

Wer war gewalttätig? Und warum wollen wir wissen, woher er kommt?

ROLLA STUDIO

KÜNSTLERISCHE UNTERSUCHUNG

DEMOCRACY / WHAT DIRECTS?

02.11.2026

Eine Untersuchung darüber, wie politische Sprache Menschen einordnet, Ereignisse deutet und unsere Wahrnehmung beeinflusst.

Hier beginnt die Untersuchung.

  1. 01

    Ausgangsimpuls

    Beobachtung · 02.11.2026

    Am 31. Oktober 2026 demonstrierten in zahlreichen deutschen Städten junge Menschen für bessere Bildungsbedingungen, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Veränderungen.

    Am Rande beziehungsweise nach den Protesten kam es zu Ausschreitungen.

    Bundesministerin Karin Prien sprach am 2. November von weitgehend friedlichen Demonstrationen, aber auch von Gewaltexzessen linksradikaler Gruppen sowie weiterer Beteiligter, die wohl aus migrantischen Milieus stammten.

    Alexander Dobrindt verwendete den Ausdruck „migrantische Chaoten“. Boris Pistorius hinterfragte diese Zuordnung.

    Diese Aussagen sind den jeweiligen Sprechern zuzuordnen und nicht als unabhängig bestätigte Tatsachen über die Täter darzustellen.

    Mich interessiert, was mit einem Ereignis geschieht, wenn Menschen beginnen, es sprachlich einzuordnen.

  2. 02

    Die Verschiebung

    EINE HANDLUNG.
    ↓
    EINE ZUORDNUNG.
    ↓
    EINE ERKLÄRUNG.
    ↓
    EIN GESELLSCHAFTLICHES BILD.

    Eine Gewalttat ist zunächst eine Handlung.

    Wir können fragen, was geschehen ist, wer beteiligt war und welche Verantwortung die Beteiligten tragen.

    Doch politische Sprache bleibt nicht immer bei der Beschreibung einer Handlung.

    Sie ordnet Menschen Gruppen zu.

    Sie verbindet Verhalten mit politischen Überzeugungen, Herkunft oder gesellschaftlicher Zugehörigkeit.

    Solche Zuordnungen können relevant sein. Ob sie im konkreten Fall tatsächlich etwas erklären, muss überprüft werden.

    Wann wird eine Beschreibung zur Deutung?

    Und wann erscheint eine Deutung bereits als Tatsache?

  3. 03

    Die Begriffe

    01

    GEWALT

    Was wurde tatsächlich getan?

    02

    LINKSRADIKAL

    Woran wird die politische Zuordnung festgemacht?

    03

    MIGRANTISCH

    Welche Information über die Beteiligten wird damit vermittelt?

    04

    MILIEU

    Welche Gemeinsamkeiten werden einer Gruppe zugeschrieben?

    05

    INTEGRATION

    Warum wird aus dem Ereignis eine Frage gesellschaftlicher Zugehörigkeit?

    06

    ANGEKOMMEN

    Wer entscheidet, wann jemand als angekommen gilt?

  4. 04

    Was verschwindet aus dem Blick?

    Während über die Herkunft mutmaßlicher Gewalttäter gesprochen wird, kann ein anderer Teil des Geschehens in den Hintergrund treten.

    Die ursprünglichen Anliegen der Demonstrierenden.

    Bildung.

    Lebenshaltungskosten.

    Soziale Gerechtigkeit.

    Zukunftsperspektiven.

    Wie verändert ein späteres Ereignis die öffentliche Wahrnehmung eines ursprünglichen Anliegens?

    Die Ausschreitungen müssen aufgeklärt werden.

    Gleichzeitig verdienen die Anliegen der friedlichen Demonstrierenden eine eigenständige Auseinandersetzung.

  5. 05

    Meine eigene Wahrnehmung

    Auch ich begegne diesen Meldungen nicht ohne Voraussetzungen.

    Ich lese einen Begriff und verbinde Vorstellungen damit.

    Ich erkenne eine politische Aussage und entwickle möglicherweise unmittelbar Zustimmung, Ablehnung oder Zweifel.

    Vielleicht übernehme ich eine Deutung, weil sie zu meinen bisherigen Erfahrungen passt.

    Vielleicht lehne ich sie ab, bevor ich die verfügbaren Informationen geprüft habe.

    Deshalb gehört meine eigene Reaktion zur Untersuchung.

    Was hat meine Aufmerksamkeit zuerst ausgelöst?

    Die Gewalt?

    Die politische Zuordnung?

    Der Begriff „migrantisch“?

    Oder meine Reaktion auf die Person, die ihn verwendet?

    Was richtet bereits meinen Blick, während ich glaube, mir eine eigene Meinung zu bilden?

  6. 06

    Offene Fragen

    Welche Tatsachen sind gesichert, welche Zuschreibungen noch ungeprüft?

    Welche Informationen fehlen mir, um die Aussagen beurteilen zu können?

    Wie verändert sich meine Wahrnehmung, wenn ich dieselbe Handlung ohne Herkunftsangabe beschreibe?

    Wann ist die Zugehörigkeit zu einer Gruppe tatsächlich erklärungsrelevant?

    Was verändert sich, wenn ich die ursprünglichen Anliegen der Demonstrierenden wieder in den Mittelpunkt stelle?

    Welche meiner ersten Einschätzungen würde ich nach neuen Informationen verändern?

  7. 07

    Die Frage verändert sich

    Am Anfang stand die Frage:

    WER WAR GEWALTTÄTIG?

    Im Verlauf der Untersuchung entstehen weitere Fragen.

    Warum wird die Herkunft erwähnt?

    Was soll sie erklären?

    Welche Wirkung hat die Zuordnung?

    Was wurde tatsächlich überprüft?

    Und warum richtet sich meine eigene Aufmerksamkeit auf bestimmte Begriffe stärker als auf andere?

    Vielleicht verändert sich damit mein ursprüngliches Untersuchungsziel.

    Nicht mehr ausschließlich herauszufinden, welche Beschreibung zutrifft.

    Sondern zu verstehen, wie Beschreibungen unsere Wahrnehmung beeinflussen, bevor wir uns ein Urteil bilden.

    Die Tatsachenfrage bleibt bestehen.

    Doch die Untersuchung ihrer sprachlichen Darstellung eröffnet eine weitere Ebene.

  8. 08

    Vorläufiger Stand

    WAS GIBT EINEM EREIGNIS SEINE BEDEUTUNG?

    Ein Ereignis geschieht.

    Menschen beobachten, beschreiben, interpretieren und bewerten es.

    Dabei wirken Erfahrungen, politische Vorstellungen, gesellschaftliche Kategorien und mediale Erzählungen mit.

    Eine Beschreibung kann etwas sichtbar machen.

    Sie kann aber auch anderes verdecken.

    Ich untersuche deshalb nicht nur, was gesagt wird.

    Ich untersuche, was durch das Gesagte in unserem Denken bereits in Bewegung gesetzt wird.

    ICH UNTERSUCHE. UND ICH TEILE.

    Steffen Rolla

  9. 09

    Quellen

    Beobachtung · 02.11.2026

    Drei Ebenen bleiben getrennt. Der journalistische Ausgangsimpuls. Die dokumentierten Aussagen. Die künstlerische Untersuchung.

    Der Ausgangsimpuls gibt die Anliegen der Demonstrierenden so wieder, wie sie öffentlich zusammengefasst werden. Er stellt nicht fest, welches Motiv jede einzelne Person hatte. Die Zuordnungen zur Herkunft bleiben Aussagen der genannten Personen. Sie sind keine unabhängig geprüfte Beschreibung der Täter.

    Ausgangsquelle: DIE ZEIT, 2. November 2026, „Jugendproteste: Karin Prien sieht »linksradikale Gruppen« hinter »Gewaltexzessen«“.

    Karin Prien, Deutschlandfunk, 2. November 2026, wiedergegeben in der dpa-Meldung des Tagesspiegels: Nach Abschluss der „weitestgehend friedlichen Demonstrationen“ habe es Gewaltexzesse linksradikaler Gruppen gegeben, „aber eben auch von anderen, die wohl auch aus migrantischen Milieus stammen“. „Hier geht es ja nicht darum, Ressentiments zu schüren, das wäre auch politisch falsch.“ „Und da geht es nicht um die Passfrage. Da geht es um die Frage: Warum sind Menschen in unserer Gesellschaft nicht angekommen und was ist zu tun, damit das in Zukunft besser gelingt?“

    Alexander Dobrindt, wiedergegeben bei n-tv nach dpa, 1. November 2026: „Es gab friedliche Demonstrationen, die dann Richtung Abend gekapert worden sind von gewaltbereiten linken Gruppen und migrantischen Chaoten.“

    Boris Pistorius, ZDF „Berlin direkt“, wiedergegeben bei n-tv nach dpa, 1. November 2026: „Wenn es so wäre, wäre es sicher richtig, es so zu benennen. Ich weiß nicht, ob es so ist.“ „Ich mache mir diese Definition nicht zu eigen, weil ich die Fakten nicht nachvollziehen kann auf die Schnelle.“ „Was sind denn migrantische Gruppen? Sind das Menschen, die in dritter Generation in Deutschland leben und deutsche Staatsangehörige sind? Wo hören wir auf, das zu differenzieren? Ich glaube, das führt in die falsche Richtung.“

    Dieselbe Prien-Äußerung gibt epd am 2. November 2026 auf evangelisch.de wieder, darunter „Gewaltexzessen von linksradikalen Gruppen“ und „Aber eben auch von anderen, die wohl auch aus migrantischen Milieus stammen“.

    Die Schritte davor sind keine Zitate. Sie untersuchen, was diese Formulierungen mit der Wahrnehmung machen.

Untersuchungsverlauf

  1. Ausgang ·

    Ausgangsfassung

    Bezug zum bisherigen Stand

    Erste Fassung. Die Schritte bleiben dieser Stand. Ein späterer Eintrag trägt ein Datum, ergänzt eine Beobachtung oder verschiebt die Frage. Er ersetzt den Ausgang nicht.

Beziehungen — andere Situationen, verwandte Fragen

  • Gemeinsames Material

    WAS BLEIBT VOM PROTEST ÜBRIG?

    Dieselben Demonstrationen vom Wochenende. Dort wird gefragt, wie aus einer Handlung eine Herkunft wird. Hier, was von den Forderungen bleibt, wenn die Aufmerksamkeit auf die Gewalt übergeht.

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