WAS BRAUCHT ES, DAMIT ICH MEINE MEINUNG ÄNDERE?

WHAT DIRECTS? · DEMOCRACY

RE/TEXT · Perspektivwechsel · Rekursion

ZEITmagazin, Interview mit Gianni Matheja, 1. November 2026

Audio work

ICH HABE MEINE MEINUNG.

2:32

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Transcript

[INTRO — dry close-miked spoken voice, no music]

Ich habe meine Meinung.

Ich habe meine Meinung.

Meine Meinung.

Ich habe sie.

Ich weiß, was ich denke.

Ich weiß, warum.

Ich habe Gründe.

Gute Gründe.

Meine Gründe.

[Short silence]

Ich habe recht.

Recht.

Recht.

[Rhythmic vocal loop, increasingly fragmented]

Recht.

Recht.

Recht.

Re—

Re—

Recht haben.

Recht behalten.

[HARD CUT — second voice enters from the left]

Aber.

Aber?

Aber!

Was, wenn nicht?

[Two contrasting spoken voices, alternating rapidly]

Ich habe meine Gründe.

Welche?

Meine.

Warum deine?

Ich weiß.

Du weißt?

Ich weiß.

Woher?

Ich habe gehört.

Von wem?

Ich habe gelesen.

Was?

Ich habe gesehen.

Was hast du nicht gesehen?

[ABRUPT CUT]

[SECTION II — THE CONFRONTATION]

[Increasingly overlapping voices, sharp rhythmic edits]

Ich glaube.

Ich weiß.

Ich denke.

Ich meine.

Ich bin sicher.

Sicher.

Sicher?

[Voices interrupting each other]

Das stimmt.

Das stimmt nicht.

Das ist meine Erfahrung.

Das ist deine Erfahrung.

Das ist doch klar.

Ist das klar?

Für mich.

Für dich.

Für wen?

[Dense layered vocal cut-up]

RECHT HABEN.

RECHT BEHALTEN.

RECHT BEKOMMEN.

RECHT.

HABEN.

BEHALTEN.

ICH!

ICH!

ICH!

MEINE!

MEINE!

MEINUNG!

[Voices collide, syllables fragment]

Mei—

Mei—

Mein—

[Single intimate voice, extremely slow, fragile]

Moment.

Vielleicht.

Vielleicht habe ich ...

Vielleicht habe ich etwas ...

nicht gesehen.

Nicht gehört.

Nicht verstanden.

[Long pause]

Was habe ich eigentlich verstanden?

[Silence]

Ich wollte antworten.

Bevor du fertig warst.

Ich wollte widersprechen.

Bevor ich wusste,

was du meinst.

[Long pause]

Warum?

[SECTION IV — SHIFTING]

[Two quiet voices, alternating with long spaces]

Ich habe meine Meinung.

Ich hatte meine Meinung.

Ich habe ...

Ich hatte ...

Ich ...

[Second voice, distant]

Was hat sich verändert?

[First voice, very close]

Vielleicht nichts.

Vielleicht etwas.

Nicht alles.

Nicht nichts.

[Soft irregular repetitions]

Ich höre.

Ich prüfe.

Ich frage.

Ich zweifle.

Ich entscheide.

[Pause]

Ich kann bei meiner Meinung bleiben.

Ich kann sie verändern.

Ich kann sagen:

Ich weiß es noch nicht.

[SECTION V — OPEN QUESTION]

[Almost complete silence, no rhythm]

Was müsste geschehen?

Damit ich ...

meine Meinung ...

ändere?

[Long silence]

Und was müsste geschehen ...

damit ich ...

bei ihr bleibe?

[Very quiet voice]

Was gibt meiner Meinung Richtung?

[One isolated voice, close and dry]

WHAT DIRECTS?

[Silence]

Ich untersuche.

Und ich teile.

[END — unresolved, no music, no fade-out]

Initial impulse

Wenn über Protest gesprochen wird, aber nicht mehr über seine Forderungen.

Im Interview mit dem ZEITmagazin beschreibt Gianni Matheja, ehemaliger Sprecher der Bewegung Gen Z regelt, wie die öffentliche Aufmerksamkeit von den politischen Anliegen junger Menschen auf die Diskussion über mögliche und tatsächliche Gewalt bei Demonstrationen überging.

Matheja hatte sich vor den Protesten aus der Organisation zurückgezogen, weil er einen friedlichen Rahmen nicht ausreichend gesichert sah.

Zugleich kritisiert er, dass die Debatte über Gewalt die Anliegen junger Menschen überlagerte.

Er spricht über gesellschaftliche Fronten, soziale Medien, Generationenzuschreibungen und die Notwendigkeit eines Dialogs, in dem Menschen ihre Argumente tatsächlich miteinander prüfen.

Mich interessiert daran nicht zuerst, welche politische Position richtig ist.

Mich interessiert, was während einer solchen Auseinandersetzung mit unserem Denken geschieht.

The investigation begins here.

  1. 01

    Meine Frage

    Was braucht es, damit ich meine Meinung ändere?

    Wir haben Meinungen.

    Über Politik. Über Bildung. Über Arbeit. Über andere Generationen. Über Menschen, denen wir nie begegnet sind.

    Wir vertreten sie, begründen sie und verteidigen sie.

    Manchmal werden sie zu einem Teil unseres Selbstverständnisses.

    Was geschieht, wenn jemand widerspricht?

    Höre ich zu?

    Suche ich nach einer Schwäche im Gegenargument?

    Versuche ich, meine Position zu verteidigen?

    Oder beginne ich tatsächlich, meine bisherige Sichtweise zu überprüfen?

    Wann wird ein Widerspruch zu einer neuen Erkenntnismöglichkeit?

  2. 02

    WHAT DIRECTS? / WAS GIBT RICHTUNG?

    Eine Meinung entsteht nicht unabhängig von ihren Bedingungen.

    Welche Informationen erreichen mich?

    Welche Bilder prägen meine Wahrnehmung?

    Wem vertraue ich?

    Welche Erfahrungen bringe ich mit?

    Welche Interessen beeinflussen mein Urteil?

    Welche Rolle spielen Medien, soziale Zugehörigkeit und digitale Algorithmen?

    Und welche Bedeutung hat mein Wunsch, mit meiner bisherigen Meinung recht zu behalten?

    Vielleicht verteidige ich nicht nur ein Argument.

    Vielleicht verteidige ich auch mein Selbstbild.

    Was genau gerät in Bewegung, wenn jemand meine Überzeugung infrage stellt?

  3. 03

    Die Verschiebung

    Von der Meinung zum Vorgang des Meinungsbildens.

    Gewöhnlich interessiert uns in einer öffentlichen Debatte vor allem, wer recht hat.

    Wer verfügt über die besseren Informationen?

    Wer hat das überzeugendere Argument?

    Wer setzt sich durch?

    Ich möchte den Blick verschieben.

    Nicht allein auf das Ergebnis einer Auseinandersetzung.

    Sondern auf den Prozess, in dem Menschen zu ihren Urteilen gelangen.

    Was geschieht zwischen dem Hören eines Arguments und der eigenen Reaktion?

    Wann entsteht Widerstand?

    Wann Zweifel?

    Wann Neugier?

    Wann beginnt ein Mensch, eine andere Möglichkeit überhaupt in Betracht zu ziehen?

    Und wann bleibt eine Meinung unverändert, obwohl ein Gegenargument verstanden wurde?

    Auch das kann eine begründete Entscheidung sein.

    Eine offene Auseinandersetzung verlangt nicht, dass ich meine Meinung ändere. Sie verlangt, dass ich sie überprüfen kann.

  4. 04

    Das Ringen

    Eine Meinung zu verändern, kann ein inneres Ringen auslösen.

    Eine bisherige Überzeugung hat möglicherweise Orientierung gegeben.

    Sie hat Entscheidungen erleichtert.

    Sie hat Zugehörigkeit geschaffen.

    Sie hat mir Sicherheit vermittelt.

    Ein widersprechendes Argument kann diese Sicherheit stören.

    Wie reagiere ich darauf?

    Halte ich inne?

    Werde ich ungeduldig?

    Suche ich Bestätigung?

    Weiche ich aus?

    Oder lasse ich zu, dass meine bisherige Vorstellung vorläufig unsicher wird?

    Mich interessiert dieses Zögern.

    Nicht als Schwäche.

    Sondern als möglicher Moment, in dem das eigene Denken untersucht werden kann.

    Dabei ist nicht jeder Zweifel hilfreich. Nicht jedes Gegenargument überzeugend. Nicht jede Veränderung eine Verbesserung.

    Aber ohne die Möglichkeit des Zweifelns bleibt eine Überzeugung möglicherweise ungeprüft.

  5. 05

    Der rekursive Moment

    Wenn das Denken auf sich selbst zurückwirkt.

    Ich habe eine Meinung.

    Ich begegne einer anderen Sichtweise.

    Ich höre ein Argument.

    Ich reagiere.

    Vielleicht widerspreche ich.

    Vielleicht entdecke ich eine Lücke in meiner eigenen Begründung.

    Vielleicht erfahre ich etwas, das ich bisher nicht berücksichtigt habe.

    Nun kann ich zu meiner ursprünglichen Meinung zurückkehren.

    Aber ich kehre nicht unbedingt mit denselben Voraussetzungen zurück.

    Ich kann sie bestätigen.

    Ich kann sie differenzieren.

    Ich kann sie verändern.

    Oder ich kann feststellen, dass ich noch nicht genug weiß.

    Das ist der rekursive Moment.

    Nicht nur eine neue Information wird überprüft. Auch die eigene bisherige Position wird erneut zum Gegenstand des Denkens.

    Eine Meinungsänderung ist dabei kein vorgeschriebenes Ziel.

    Entscheidend ist die Fähigkeit, die eigenen Überzeugungen anhand von Gründen und Erfahrungen zu überprüfen.

  6. 06

    Ein WHAT DIRECTS? Denkraum

    Können wir unsere eigene Meinungsbildung beobachten?

    Ich möchte aus dieser Frage einen gemeinsamen Untersuchungsraum entwickeln.

    Nicht als klassische Podiumsdiskussion.

    Nicht als Streitgespräch mit Gewinnern und Verlierern.

    Nicht als Veranstaltung, bei der am Ende alle derselben Meinung sein müssen.

    Sondern als Situation, in der Menschen untersuchen, wie sie selbst denken, zuhören, urteilen und reagieren.

    Jeder Mensch bringt eine eigene Position mit.

    Die Teilnehmenden begegnen anderen Erfahrungen und Argumenten.

    Sie können widersprechen, nachfragen und ihre Position begründen.

    Doch die Aufmerksamkeit richtet sich nicht ausschließlich auf das Thema des Streits.

    Sie richtet sich auch auf den eigenen Denkprozess.

    Was habe ich gerade gehört?

    Was hat mich irritiert?

    Warum wollte ich sofort widersprechen?

    Habe ich das Argument meines Gegenübers wirklich verstanden?

    Was müsste geschehen, damit ich meine eigene Position überdenke?

    Und was hat sich während des Gesprächs tatsächlich verändert?

    Vielleicht die Meinung.

    Vielleicht nur eine Begründung.

    Vielleicht die Wahrnehmung des anderen Menschen.

    Vielleicht die ursprüngliche Frage.

    Vielleicht zunächst gar nichts.

    Auch das gehört zur Untersuchung.

  7. 07

    Meine Rolle

    In diesem Denkraum bin ich Initiator, Fragender und Mituntersuchender.

    Ich gebe keine politische Position vor, zu der die Teilnehmenden gelangen sollen.

    Ich gestalte Bedingungen, unter denen unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertreffen und untersucht werden können.

    Dabei beobachte ich auch mich selbst.

    Welche Fragen stelle ich?

    Welche Formulierungen lenken das Gespräch?

    Welche Positionen erscheinen mir selbstverständlich?

    Wann greife ich ein?

    Wann halte ich mich zurück?

    Und welche Vorstellungen über das Denken anderer Menschen bringe ich selbst bereits mit?

    Auch meine Gestaltung des Denkraums beeinflusst, welche Erfahrungen möglich werden.

    Deshalb gehört sie zur Untersuchung.

  8. 08

    Was offenbleibt

    Kann ein Mensch ein Argument verstehen, ohne es anzuerkennen?

    Wann wird Zuhören zur bloßen Höflichkeit?

    Wann verändert eine persönliche Begegnung mehr als eine sachliche Information?

    Wie viel Unsicherheit können wir im gemeinsamen Denken zulassen?

    Wann verhindert der Wunsch nach Einigkeit eine notwendige Auseinandersetzung?

    Und wie gehen wir mit Positionen um, die einander auch nach gründlicher Prüfung widersprechen?

    Ein Denkraum muss diese Unterschiede nicht auflösen.

    Aber er kann sichtbar machen, wie wir mit ihnen umgehen.

  9. 09

    Ich untersuche. Und ich teile.

    Mich interessiert nicht nur, welche Meinungen Menschen vertreten.

    Mich interessiert, wie sie zustande kommen.

    Was ihnen Richtung gibt.

    Wie wir sie begründen.

    Wie wir sie verteidigen.

    Wie wir mit Widerspruch umgehen.

    Und unter welchen Bedingungen wir bereit sind, sie erneut zu untersuchen.

    Vielleicht besteht eine wesentliche Fähigkeit demokratischen Handelns nicht darin, immer eine Antwort zu haben.

    Sondern darin, die eigenen Antworten überprüfen zu können, ohne die Fähigkeit zum Urteilen aufzugeben.

    WHAT DIRECTS?

    WAS BRAUCHT ES, DAMIT ICH MEINE MEINUNG ÄNDERE?

    Und wann wäre es richtig, bei ihr zu bleiben?

    Steffen Rolla

    Künstlerische Untersuchung · WHAT DIRECTS? · DEMOCRACY

    Ausgangsquelle: Anna-Elisa Jakob: „Das sollte nicht die Forderungen junger Menschen überschatten“. Interview mit Gianni Matheja, ZEITmagazin, 1. November 2026.

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