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Künstlerische Untersuchung · DEMOCRACY · EDUCATION · WHAT DIRECTS?

WENN EXPERTISE ZUR BRILLE WIRD.

Was übersehen wir möglicherweise gerade deshalb, weil wir etwas zu wissen glauben?

Ausgangspunkt: Ulrike Herrmann — China, Taiwan und die Erklärung von Kriegen.

Eigene Beobachtung

AUSGANGSIMPULS

Ich lese über einen möglichen Krieg um Taiwan.

In ihrem Buch untersucht die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann verschiedene Szenarien eines chinesischen Angriffs auf Taiwan. Sie beschreibt die Möglichkeit, vorgelagerte Inseln unter Druck zu setzen, Taiwan durch eine Seeblockade zu isolieren oder eine militärische Invasion zu beginnen. Dabei spielen wirtschaftliche Abhängigkeiten, politische Interessen und militärische Risiken eine Rolle.

Die Argumentation erscheint zunächst schlüssig. Doch beim Lesen entsteht eine Frage:

Woher wissen wir eigentlich, wie sich China entscheiden wird?

Eigenständige Audioarbeit

WENN EXPERTISE ZUR BRILLE WIRD.

3:07

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Transkript

[Intro — spoken, close, dry voice]

Ich lese.

Ich höre eine Erklärung.

Sie klingt plausibel.

Sie klingt logisch.

Sie klingt richtig.

Aber warum?

[Pause]

Weil sie richtig ist?

Oder weil sie zu dem passt,

was ich bereits zu wissen glaube?

[Verse 1 — fragmented spoken word]

Ein Ökonom sieht Wirtschaft.

Ein Historiker sieht Geschichte.

Ein Stratege sieht Kräfte.

Ein Politiker sieht Interessen.

Ein Experte sieht Zusammenhänge.

Und ich?

Was sehe ich?

Was übersehe ich?

[Chorus — rhythmic, repeated, layered voices]

WAS WIR WISSEN

BESTIMMT MIT

WAS WIR SEHEN.

WHAT DIRECTS?

WHAT DIRECTS?

WHAT DIRECTS OUR SEEING?

[Verse 2 — increasingly questioning]

Ein Szenario.

Eine Möglichkeit.

Eine Wahrscheinlichkeit.

Eine Prognose.

Wann wird aus dem Möglichen

das Wahrscheinliche?

Wann wird aus einer Erklärung

eine Gewissheit?

Eine Bedingung

ist noch keine Ursache.

Eine Ursache

ist noch keine ganze Geschichte.

[Interlude — silence, single voice]

Ich zweifle.

Aber auch mein Zweifel

hat eine Richtung.

[Verse 3 — overlapping voices]

Ich frage die Maschine.

Die Maschine antwortet.

Ich verändere die Frage.

Die Antwort verändert sich.

Wer lenkt hier wen?

Meine Frage die Maschine?

Die Maschine mein Denken?

Oder eine Vorstellung,

die längst in meiner Frage steckt?

[Chorus — voices shift left and right]

WAS WIR WISSEN

BESTIMMT MIT

WAS WIR SEHEN.

ABER WAS BESTIMMT,

WAS WIR WISSEN WOLLEN?

[Break — rhythmic cut-up]

Wissen.

Sehen.

Wissen.

Übersehen.

Erkennen.

Verkennen.

Erklären.

Zweifeln.

Noch einmal.

Anders.

[Outro — very slow, intimate]

Ich nehme die Brille ab.

Aber sehe ich jetzt ohne Brille?

Oder nur durch eine andere?

[Long pause]

WHAT DIRECTS?

Was gibt meinem Blick Richtung?

[Silence]

Irritation

DER ERSTE ZWEIFEL

Eine plausible Erklärung ist noch keine verlässliche Prognose.

Ich frage mich, wie weit sich zukünftige politische und militärische Entscheidungen überhaupt vorhersagen lassen. Welche Informationen stehen zur Verfügung? Welche Annahmen sind notwendig? Welche Entwicklungen bleiben unvorhersehbar? Und wie viel lässt sich über die Entscheidungen eines einzelnen Machthabers tatsächlich wissen?

Ich beginne, Herrmanns Aussagen mit Untersuchungen internationaler Sicherheitsforscher zu vergleichen. Dabei zeigt sich: Einige ihrer beschriebenen Szenarien werden auch in der militärwissenschaftlichen Forschung untersucht. Doch die möglichen Folgen und politischen Entscheidungen bleiben umstritten.

Die Szenarien sind nicht das Gleiche wie eine Prognose.

Perspektivverschiebung

DIE FRAGE VERSCHIEBT SICH

Was befähigt jemanden, eine solche Entwicklung zu beurteilen?

Ich beginne, mich mit Herrmanns beruflichem Hintergrund zu beschäftigen. Sie ist eine erfahrene Wirtschaftsjournalistin und Autorin. Ihre besondere Expertise liegt in wirtschaftlichen Zusammenhängen und ihrer historischen Entwicklung.

Doch was bedeutet das für die Beurteilung eines möglichen Krieges?

Ich bemerke, dass ich nicht mehr ausschließlich ihre Aussagen über China untersuche. Ich untersuche nun auch die Perspektive, aus der diese Aussagen entstehen.

Was ermöglicht ihr wirtschaftliches Wissen zu erkennen? Welche Zusammenhänge macht es sichtbar? Und welche anderen Erklärungen könnten dadurch weniger Aufmerksamkeit erhalten?

Interpretation

WENN EXPERTISE ZUR BRILLE WIRD

Wissen ermöglicht Wahrnehmung. Aber es kann Wahrnehmung auch begrenzen.

Ein Wirtschaftswissenschaftler betrachtet einen Krieg möglicherweise unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Interessen. Ein Militärwissenschaftler untersucht Kräfteverhältnisse, Operationsmöglichkeiten und strategische Risiken. Ein Historiker fragt nach historischen Entwicklungen und Kontinuitäten. Ein Politikwissenschaftler untersucht Institutionen, Machtverhältnisse und Entscheidungsprozesse.

Sie beschäftigen sich mit demselben Ereignis. Aber sie stellen nicht unbedingt dieselben Fragen.

Jede Perspektive kann etwas sichtbar machen. Und jede Perspektive kann etwas anderes in den Hintergrund treten lassen.

Das bedeutet nicht, dass eine dieser Sichtweisen grundsätzlich falsch ist. Es bedeutet, dass auch fachliche Expertise eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit hervorbringt.

Was wir wissen, beeinflusst, wonach wir suchen.

Und möglicherweise auch, was wir als Erklärung akzeptieren.

Widerspruch

EIN ZWEITER BLICK AUF RUSSLAND

Hat Putin den Krieg begonnen, weil Russland wirtschaftliche Probleme hatte?

Diese Frage entsteht während meiner weiteren Auseinandersetzung mit Herrmanns wirtschaftlicher Interpretation politischer Konflikte.

Russland hatte vor dem groß angelegten Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 strukturelle wirtschaftliche Probleme. Aber folgt daraus, dass diese Probleme den Krieg verursacht haben?

Welche Bedeutung hatten imperiale Vorstellungen, geopolitische Interessen, die ukrainische Westorientierung und mögliche Fehleinschätzungen der russischen Führung?

Hier begegnet mir erneut derselbe Zusammenhang. Eine wirtschaftliche Erklärung kann wichtige Bedingungen sichtbar machen. Aber erklärt sie damit bereits die Entscheidung?

Eine Bedingung ist noch keine Ursache. Eine Ursache ist noch keine vollständige Erklärung.

Ich beginne, genauer zwischen dem zu unterscheiden, was nachgewiesen ist, was plausibel erscheint und was lediglich vermutet wird.

KI-DIALOG

DIE INTERVENTION

Ich verändere meine Frage.

Anstatt weiter nach der wahrscheinlichsten Entwicklung in Taiwan zu fragen, untersuche ich nun, wie solche Wahrscheinlichkeiten überhaupt begründet werden.

Ich frage nicht mehr nur: Was sagt Ulrike Herrmann?

Sondern: Wie gelangt sie zu ihrer Aussage?

Welche Quellen verwendet sie? Welche Annahmen setzt sie voraus? Welche alternativen Erklärungen berücksichtigt sie? Wie geht sie mit Unsicherheit um? Wann wird aus einem möglichen Szenario eine vermeintlich wahrscheinliche Entwicklung?

Diese Veränderung meiner Fragestellung ist mein Eingriff in den eigenen Untersuchungsprozess.

Der Gegenstand verschiebt sich. Aus einer geopolitischen Frage wird eine Untersuchung über Wissen, Wahrnehmung und die Entstehung von Erklärungen.

Interpretation

DIE EIGENE BRILLE

Aber wodurch wird meine eigene Untersuchung gelenkt?

Ich bemerke, dass ich Herrmanns wirtschaftliche Perspektive kritisch hinterfrage. Warum gerade diese? Welche Vorstellungen bringe ich selbst mit?

Vielleicht misstraue ich Erklärungen, die komplexe Ereignisse auf eine bestimmte Ursache zurückführen. Vielleicht bevorzuge ich offene, mehrdeutige Betrachtungen. Aber auch diese Vorliebe beeinflusst meinen Blick.

Möglicherweise übersehe ich gerade deshalb Zusammenhänge, die sich tatsächlich wirtschaftlich erklären lassen.

Auch mein Zweifel ist nicht voraussetzungslos.

Und auch die Antworten der künstlichen Intelligenz, mit der ich diese Untersuchung führe, entstehen nicht unabhängig von meinen Fragen.

Welche Gegenargumente schlägt sie vor? Welche Quellen wählt sie aus? Welche Vorstellungen bestätigt sie möglicherweise, weil ich meine Fragen bereits in eine bestimmte Richtung formuliere?

Nicht nur die Expertise der Autorin wird zum Gegenstand der Untersuchung. Auch mein eigenes Fragen und die Antworten der KI müssen untersucht werden.

Perspektivverschiebung

WAS SICH VERÄNDERT HAT

Am Anfang wollte ich wissen, ob China Taiwan angreifen könnte. Dann wollte ich wissen, ob Herrmanns Einschätzungen wissenschaftlich belastbar sind. Anschließend fragte ich nach ihrer Expertise.

Jetzt beschäftigt mich eine andere Frage: Wie beeinflussen unsere Kenntnisse und Erfahrungen, welche Erklärungen wir entwickeln und welchen Erklärungen wir vertrauen?

Ich habe keine abschließende Antwort auf die geopolitischen Fragen gefunden. Aber mein Blick auf die Entstehung solcher Antworten hat sich verändert.

Ich lese nicht mehr nur eine Erklärung. Ich frage zunehmend danach, wie sie zustande gekommen ist.

Interpretation

DIE UNTERSUCHUNG BLEIBT OFFEN

Mich interessiert, ob sich dieser Zusammenhang auch in anderen Bereichen beobachten lässt: in der Medizin, in der Bildung, in der Wirtschaft, in der Politik, in der Kunst und im Umgang mit künstlicher Intelligenz.

Wann wird die eigene Erfahrung zur Voraussetzung einer Erkenntnis? Wann wird sie zur Begrenzung? Wann hilft uns fachliche Spezialisierung, genauer hinzusehen? Und wann beginnen wir, neue Situationen vor allem mit den Erklärungen zu betrachten, die uns bereits vertraut sind?

Vielleicht besteht die Schwierigkeit nicht darin, dass wir zu wenig wissen. Vielleicht erkennen wir manchmal zu wenig, weil wir zu selbstverständlich auf das vertrauen, was wir bereits wissen.

WHAT DIRECTS?

WAS WIR WISSEN, BESTIMMT MIT, WAS WIR SEHEN.

ABER WAS BESTIMMT, WAS WIR WISSEN WOLLEN?

Die Untersuchung bleibt offen. Eine nächste Rückkehr könnte Herrmanns konkrete Quellen, ihre Schlussfolgerungen und widersprechende wissenschaftliche Positionen genauer miteinander vergleichen.

Steffen Rolla

Künstlerische Untersuchung · WHAT DIRECTS?

Die Untersuchung weiterführen

Was geschieht, wenn wir gemeinsam untersuchen?

Diese künstlerische Untersuchung kann Ausgangspunkt für einen WHAT DIRECTS? Denkraum oder eine gemeinsame experimentelle Erfahrung werden. Dabei untersuchen die Beteiligten, wie Erwartungen entstehen, Entscheidungen beeinflussen und durch neue Erfahrungen verändert werden können.

WHAT DIRECTS? Denkräume · Gemeinsame Untersuchungen · Künstlerische Kooperationen

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