WER HAT UNS ZUR GENERATION GEMACHT?
Was geschieht, wenn wir Menschen zuerst einer Generation zuordnen und erst danach fragen, wer sie tatsächlich sind?
Audio work
WER HAT UNS ZUR GENERATION GEMACHT?
3:41
Transcript
[Intro – dry male spoken voice, close microphone, no instruments]
Gen Z.
Boomer.
Millennial.
Generation X.
Vier Namen.
Millionen Menschen.
Eine Schublade.
[Mechanical click]
[Whispered female voice]
Who put us there?
[Verse 1 – minimal industrial beat enters, rhythmic spoken word]
Zu jung. Zu alt. Zu digital. Zu analog.
Zu bequem. Zu radikal. Zu langsam. Zu schnell.
Du bist so. Ihr seid so. Die sind so.
Sagt wer?
[Cut-up – overlapping voices, hard stereo panning]
Generation! Generation! Generation!
Classification. Identification. Simplification.
[Chorus – hypnotic, fragmented repetition]
WER HAT UNS ZUR GENERATION GEMACHT?
WHO MADE US? WHO NAMED US?
GEN / ERA / TION.
GEN / ERA / TION.
[Verse 2 – rhythmic spoken word, increasing pressure]
Ein Geburtsjahr.
Ein Etikett.
Eine Schlagzeile.
Ein Geschäftsmodell.
Ein Experte erklärt uns.
Ein Berater verkauft uns.
Ein Algorithmus sortiert uns.
Ein Kommentar bewertet uns.
[Layered voices]
Too young. Too old. Too lazy. Too loud.
[Sudden hard cut]
Kennst du mich?
[Break – individual voices, intimate, without rhythm]
Ich bin nicht mein Geburtsjahr.
Ich bin nicht deine Statistik.
Ich bin nicht deine Schlagzeile.
Ich bin nicht dein Marktsegment.
[Low sub-bass pulse]
[Verse 3 – vocal stutter, increasingly fragmented]
Gen. Gen. Gen.
Z. X. Y.
Boom. Boom. Boomer.
Label. Label. Label.
[Female voice]
Different lives.
[Male voice]
Same category.
[Female voice]
Different choices.
[Male voice]
Same category.
[Both voices, overlapping]
Same? Same? Same?
[Silence]
[Verse 4 – slow, reflective spoken word]
Ein Mensch demonstriert.
Warum?
Wegen seines Alters?
Wegen seiner Erfahrungen?
Wegen seiner Lebensbedingungen?
Wegen seiner Überzeugungen?
Wegen seiner Möglichkeiten?
[Whisper]
Was sehen wir?
Den Menschen?
Oder die Kategorie?
[Chorus – louder, fractured, industrial rhythm]
WER HAT UNS ZUR GENERATION GEMACHT?
WHO MADE US? WHO NAMED US?
GEN / ERA / TION.
GEN / ERA / TION.
[Deconstruction – rhythm collapses, fragmented voices]
Gen-er-a-tion.
De-fin-i-tion.
Re-pre-sen-ta-tion.
Ca-te-go-ri-sa-tion.
[Glitch repetition]
Name. Frame. Sort. Repeat.
Name. Frame. Sort. Repeat.
[Hard stop]
[Verse 5 – single close male voice]
Ich lese.
Ich übernehme.
Ich benenne.
Ich ordne zu.
Ich habe selbst von Gen Z gesprochen.
Ohne zu fragen, was dieser Name mit meiner Wahrnehmung macht.
[Long silence]
Ich bin nicht außerhalb.
[Final section – scattered voices, no stable rhythm]
Wer spricht für wen?
Wer wird gehört?
Wer bleibt unsichtbar?
Wer entscheidet?
Wer bestimmt?
Wer sind wir?
Wer bin ich?
[Female voice, distant]
Who are you without the label?
[Male voice, close]
Wer werden wir,
wenn wir beginnen,
uns durch die Kategorien
anderer zu betrachten?
[Outro – complete silence, then one voice]
GENERATION.
[Mechanical click]
[Whisper]
Oder Mensch?
[Long silence]
WHAT DIRECTS?
[End]
The investigation begins here.
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01
Ausgangsimpuls
Ich lese einen Essay in der ZEIT: „Eure Gen Z gibt es nicht!“ Die Autorin Anna-Elisa Jakob widerspricht der Vorstellung, dass Menschen aufgrund ihrer Geburtsjahre eine gemeinsame Persönlichkeit, Haltung oder Lebensweise besitzen.
Sie beschreibt, wie widersprüchlich die Zuschreibungen sind. Die einen behaupten, junge Menschen wollten nicht arbeiten. Andere behaupten, sie arbeiteten besonders viel. Mal gelten sie als politisch radikal, mal als bequem und unbeteiligt. Mal als besonders freiheitsliebend, mal als konservativ.
Eine Generation scheint viele Eigenschaften gleichzeitig besitzen zu können.
Mich interessiert zunächst nicht, welche dieser Beschreibungen zutrifft. Mich interessiert, warum wir überhaupt glauben, Millionen unterschiedliche Menschen mit wenigen Eigenschaften beschreiben zu können.
Was geschieht, wenn aus einer zeitlichen Einordnung eine Vorstellung vom Menschen wird?
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02
Ein Name schafft ein Bild
Gen Z. Zwei Zeichen. Sie genügen, um Vorstellungen auszulösen: jung, digital, anspruchsvoll, politisch, bequem, verunsichert, selbstbewusst. Je nachdem, wer den Begriff verwendet, verändert sich das Bild.
Dabei sagt die Bezeichnung zunächst nur etwas über einen ungefähr festgelegten Geburtszeitraum aus. Nicht darüber, wie ein Mensch denkt, welche Erfahrungen er gemacht hat, welche Möglichkeiten ihm zur Verfügung stehen, welche Ziele er verfolgt oder welche Entscheidungen er trifft.
Trotzdem beginnen wir, von „der Gen Z“ zu sprechen, als handele es sich um eine Person mit gemeinsamen Eigenschaften.
Wann wird aus einer Bezeichnung eine Behauptung?
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03
Wer spricht für wen?
In der Öffentlichkeit treten Menschen auf, die als Stimmen einer Generation wahrgenommen werden: Aktivistinnen, Influencer, Journalisten, Unternehmerinnen, Berater und Wissenschaftlerinnen. Einzelne Menschen beschreiben, was junge Menschen wollen, denken oder brauchen.
Manchmal sprechen sie aus eigener Erfahrung, manchmal berufen sie sich auf Untersuchungen. Manchmal vertreten sie politische Interessen, manchmal verkaufen sie Dienstleistungen.
Einzelne Stimmen werden sichtbar, andere bleiben ungehört. Aber wann wird aus einer persönlichen Position die vermeintliche Haltung einer ganzen Generation? Wer hat jemanden dazu bestimmt, für Millionen andere zu sprechen? Und welche Menschen kommen in diesen Darstellungen gar nicht vor?
Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie Repräsentativität.
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04
Der Markt der Generationen
Der Essay beschreibt auch die wirtschaftliche Seite des Generationendenkens. Bücher erklären, wie die Gen Z arbeitet. Beratungen versprechen, ihre Erwartungen zu kennen. Unternehmen möchten wissen, wie sie junge Menschen erreichen. Medien veröffentlichen Artikel über ihre angeblichen Eigenschaften.
Aus einer Bezeichnung entsteht ein Gegenstand, über den gesprochen, geschrieben, geforscht, beraten und verkauft werden kann.
Das bedeutet nicht, dass jede Untersuchung von Altersgruppen wertlos wäre. Menschen können durch gemeinsame historische Erfahrungen geprägt werden. Unterschiedliche Lebensphasen können unterschiedliche Bedürfnisse mit sich bringen.
Aber was geschieht, wenn wir Unterschiede innerhalb einer Gruppe weniger beachten als Unterschiede zwischen Gruppen? Wenn wir Verhalten durch das Geburtsjahr erklären, obwohl möglicherweise Einkommen, Bildung, Lebensbedingungen oder gesellschaftliche Veränderungen eine größere Rolle spielen?
Wann hilft uns eine Kategorie, Zusammenhänge zu erkennen? Und wann verhindert sie genau das?
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05
Aus Menschen werden Gegensätze
Gen Z. Boomer. Millennials. Generation X.
Die Begriffe ordnen Menschen, schaffen scheinbar erkennbare Gruppen und eröffnen Vergleiche: die Jungen gegen die Alten, die Veränderungswilligen gegen die Bewahrer, die Digitalen gegen die Analogen, die Leistungsbereiten gegen die Bequemen.
Aber wer bestimmt diese Gegensätze? Worauf beruhen sie? Was wird dadurch sichtbar, und was verschwindet?
Ein Mensch kann mit jemandem einer anderen Altersgruppe mehr Erfahrungen, Interessen und Überzeugungen teilen als mit jemandem, der im selben Jahr geboren wurde. Trotzdem wird möglicherweise das Geburtsjahr zum entscheidenden Merkmal erklärt.
Was geschieht mit unserer Wahrnehmung, wenn wir zuerst die Gruppe sehen und erst danach den Menschen?
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06
Ein Begriff kann auch verbinden
Dabei entsteht ein Widerspruch. Eine Bewegung nennt sich „Gen Z regelt“. Die Bezeichnung kann Menschen zusammenbringen, Aufmerksamkeit erzeugen und ein gemeinsames Auftreten ermöglichen. Vielleicht wird aus einer fremden Zuschreibung eine selbst gewählte Identität.
Ein Begriff, mit dem andere Menschen beschreiben, wird von Menschen selbst übernommen.
Doch was verbindet sie dadurch tatsächlich? Ein ähnliches Alter? Gemeinsame gesellschaftliche Bedingungen? Bestimmte Forderungen? Eine gemeinsame Erfahrung? Oder zunächst der Wunsch, als politische Akteure sichtbar zu werden?
Eine gemeinsame Bezeichnung kann Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Sie kann aber zugleich Menschen vereinnahmen, die sich darin nicht wiederfinden.
Kann eine Gruppe unter einem Namen gemeinsam handeln, ohne zu behaupten, alle Menschen dieses Alters zu vertreten?
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07
Ich habe den Begriff selbst übernommen
Ich kehre zu meinen bisherigen Untersuchungen zurück.
In „Was bleibt vom Protest übrig?“ habe ich die Demonstrationen junger Menschen untersucht. Ich fragte, wie Forderungen durch andere Ereignisse aus dem Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit geraten können.
Anschließend untersuchte ich die Piratenflagge, die auf Demonstrationen getragen wird. In „Wem gehört ein Symbol?“ fragte ich, wie ein Bild aus einer erfundenen Geschichte zum politischen Zeichen wird.
Dabei habe auch ich von Gen-Z-Protesten gesprochen. Ich habe die Bezeichnung aus der Berichterstattung übernommen. Sie erschien mir zunächst selbstverständlich.
Erst durch den neuen Essay wird mir bewusst, dass auch dieser Begriff etwas mit meiner Wahrnehmung macht.
Ich habe gefragt, was von einem Protest übrig bleibt. Ich habe gefragt, wem ein Symbol gehört. Aber ich habe noch nicht gefragt, wer die Menschen zu einer Generation zusammengefasst hat.
Ich habe eine Bezeichnung verwendet, bevor ich ihre Wirkung untersucht habe.
Das verändert meine bisherige Untersuchung. Nicht unbedingt die Beobachtungen, aber ihren Ausgangspunkt. Vielleicht sollte ich genauer zwischen einer Bewegung, ihren Teilnehmenden und der Generation unterscheiden, der sie zugerechnet werden.
Ich muss die früheren Untersuchungen deshalb nicht verwerfen. Ich kann zu ihnen zurückkehren, ihre Voraussetzungen überprüfen und meine Fragestellung verändern.
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08
Wenn die Kategorie zur Erklärung wird
Eine junge Person demonstriert. Warum?
Vielleicht wegen der Bedingungen ihrer Ausbildung, wegen wirtschaftlicher Unsicherheit, politischer Überzeugungen oder Erfahrungen mit Ungerechtigkeit. Vielleicht aus Solidarität. Vielleicht aus ganz anderen Gründen.
Wenn wir sagen, sie demonstriere, weil sie zur Gen Z gehört, haben wir dann etwas erklärt? Oder haben wir die eigentliche Untersuchung bereits beendet, bevor sie beginnen konnte?
Eine Kategorie kann ordnen. Aber sie kann auch eine scheinbar einfache Antwort anbieten.
Wir glauben zu verstehen, weil wir einen Namen haben.
Was müssten wir stattdessen fragen? Welche Erfahrungen hat dieser Mensch gemacht? Unter welchen Bedingungen lebt er? Welche Informationen erhält er? Was beschäftigt ihn? Welche Möglichkeiten erkennt er? Welche Ziele verfolgt er? Wie kommt er zu seinen Entscheidungen?
Vielleicht müssen wir weniger darüber sprechen, wie eine Generation ist, und genauer untersuchen, wie Menschen unter unterschiedlichen Bedingungen handeln.
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09
Meine Frage verändert sich
Am Anfang wollte ich verstehen, warum die Autorin behauptet, es gebe diese Generation nicht. Im Verlauf hat sich meine Frage verändert.
Natürlich gibt es Menschen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums geboren wurden. Aber daraus folgt nicht, dass sie eine einheitliche Haltung oder Lebensweise besitzen.
Mich interessiert inzwischen etwas Grundsätzlicheres: Wie entstehen gesellschaftliche Kategorien? Wer entwickelt sie? Wer verbreitet sie? Welche Interessen sind damit verbunden? Wie beeinflussen sie unsere Wahrnehmung? Und wann beginnen Menschen, sich selbst durch die Begriffe zu verstehen, mit denen andere sie beschreiben?
Vielleicht ist nicht die entscheidende Frage, ob es die Gen Z gibt.
WAS MACHT DIE BEZEICHNUNG GEN Z MIT DEN MENSCHEN, DIE WIR DAMIT BESCHREIBEN?
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10
Die Untersuchung bleibt offen
Ich könnte Menschen unterschiedlicher Altersgruppen fragen: Welcher Generation gehörst du an? Was verbindest du mit dieser Bezeichnung? Erkennst du dich darin wieder? Welche Eigenschaften werden dir zugeschrieben? Welche davon treffen auf dich zu, welche nicht?
Ich könnte denselben Menschen Fragen stellen, ohne ihr Geburtsjahr zu kennen. Was ist ihnen wichtig? Welche Erfahrungen prägen ihre Entscheidungen? Welche Ziele verfolgen sie? Welche gesellschaftlichen Bedingungen beeinflussen ihr Leben?
Erst anschließend könnte ich fragen, wie alt sie sind. Würden sich dadurch andere Zusammenhänge zeigen?
Ich könnte außerdem meine eigenen Texte untersuchen. Wo verwende ich Begriffe, die Menschen zu Gruppen zusammenfassen? Wann sind sie hilfreich? Wann verdecken sie Unterschiede? Und welche Begriffe habe ich übernommen, ohne sie bisher zu hinterfragen?
Auch diese Untersuchung bleibt Teil des Vorgangs, den sie beschreibt. Ich wähle eine Kategorie aus, mache sie sichtbar und hinterfrage sie. Möglicherweise trage ich durch die erneute Verwendung dazu bei, dass sie weiter präsent bleibt.
WER HAT UNS ZUR GENERATION GEMACHT?
Vielleicht ist die wichtigere Frage:
WER WERDEN WIR, WENN WIR BEGINNEN, UNS DURCH DIE KATEGORIEN ANDERER ZU BETRACHTEN?
Ich untersuche. Und ich teile.
WHAT DIRECTS? · Kollektion EUROPA · Wirkfeld DEMOCRACY · 02.11.2026
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11
Quelle
Anna-Elisa Jakob: „Eure Gen Z gibt es nicht!“, DIE ZEIT, 20. Oktober 2026.
Ausgangspunkt ist der bereitgestellte Essay. Die darin dargestellten Forschungspositionen bilden einen Untersuchungsimpuls; eine eigenständige wissenschaftliche Überprüfung der Studien ist nicht Bestandteil dieser Arbeit.
Course of the investigation
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Origin ·
Ausgangsfassung
Relation to the previous state
Erste Fassung. Die Schritte bleiben dieser Stand. Ein späterer Eintrag trägt ein Datum, ergänzt eine Beobachtung oder verschiebt die Frage. Er ersetzt den Ausgang nicht.
Relations — other situations, related questions
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Kehrt zurück zu
WAS BLEIBT VOM PROTEST ÜBRIG?
Wie sich gesellschaftliche Aufmerksamkeit von Forderungen zu Ereignissen verschiebt.
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Kehrt zurück zu
WEM GEHÖRT EIN SYMBOL?
Wie Bilder aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen gelöst werden und neue gesellschaftliche Bedeutungen erhalten.