HABITUS — WAS SPRICHT, BEVOR DU SPRICHST?

Wie viel von dem, was ich für mein eigenes halte, habe ich bereits gelernt?

Ich betrete einen Raum und fühle mich willkommen oder fremd. Ich greife zu einem Glas, spreche selbstverständlich oder halte mich zurück. Oft geschieht das, bevor ich bewusst darüber nachdenke.

Ich nenne es meinen Geschmack, meine Persönlichkeit, meine Entscheidung. Doch was davon ist durch Erfahrungen, Erziehung, soziale Herkunft und Gewohnheiten geprägt?

Eigenständige Audioarbeit

HABITUS — WAS SPRICHT, BEVOR DU SPRICHST?

3:01

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Transkript

[I]

Ich betrete den Raum

und der Raum hat schon geantwortet.

Kein Gedanke war da.

Nur ein Wissen ohne Frage:

hierher gehöre ich —

oder: hierher nicht.

Wer hat das gesagt?

[II]

Meine Hand greift zum Glas

und im Griff liegt schon Geschichte.

Geschmack, bevor ich schmecke.

Scham, bevor ich weiß, wofür.

Ich nenne es: mein Stil.

Ich nenne es: mein Ich.

Aber der Satz kam schneller

als die Wahrnehmung.

[III — Refrain]

Was spricht, bevor du sprichst?

Was blickt, bevor du blickst?

Noch nicht urteilen.

Noch nicht sicher sein.

Noch nicht: ich bin halt so.

Bleib kurz davor.

[IV]

„Ich bin halt so" —

der Satz klingt wie ein Zuhause.

Aber manchmal ist er nur

eine Tür, die sich schließt,

bevor jemand fragen konnte,

wer sie gebaut hat.

Gelernt. Geerbt. Wiederholt.

Und irgendwann: Natur genannt.

[V]

Ein Kind hebt die Hand nicht.

Ein anderes spricht sofort.

Nicht weil eines mehr weiß —

sondern weil eines gelernt hat,

dass seine Antwort zählt,

und das andere gelernt hat,

zu warten, bis es zu spät ist.

Die Stille war nicht leer.

Die Stille war gelernt.

[VI — Refrain]

Was spricht, bevor du sprichst?

Was blickt, bevor du blickst?

Noch nicht urteilen.

Noch nicht wissen.

Bleib kurz davor.

[VII — leise, fast ohne Musik]

Das heißt nicht: du bist nicht frei.

Das heißt nicht: dein Geschmack ist falsch.

Das heißt nur:

Ein Blick wird gehalten.

Eine Hand wartet.

Ein Glas bleibt stehen.

Ein Schweigen wird bemerkt.

Und für einen Moment

antwortet niemand für dich.

[VIII — Schluss]

Wurde wahrgenommen —

oder bereits übernommen?

VORDEM.

Ausgangsimpuls

Ich betrete den Raum und der Raum hat schon geantwortet.

HABITUS — WAS SPRICHT, BEVOR DU SPRICHST? · Song · 3:01 · Steffen Rolla

Das Werk untersucht, wie erlernte Muster unsere Wahrnehmung und unser Verhalten beeinflussen können, bevor wir sie bewusst erkennen. Es verbindet die Erfahrung von Zugehörigkeit mit Gesten, Geschmack, Sprache und Schweigen.

Doch ist jede spontane Handlung bereits gesellschaftlich vorgeprägt? Und wie erkenne ich den Unterschied zwischen einer Gewohnheit und einer bewussten Entscheidung?

Hier beginnt die Untersuchung.

  1. 01

    Was nehme ich wahr?

    Menschen verhalten sich in vergleichbaren Situationen unterschiedlich. Manche sprechen sofort, andere beobachten zunächst. Manche fühlen sich in einem Raum selbstverständlich zugehörig, andere unsicher.

    Diese Unterschiede können mit bisherigen Erfahrungen zusammenhängen. Sie lassen sich jedoch nicht allein aus einer sichtbaren Geste erklären.

    Was kann ich tatsächlich beobachten – und was interpretiere ich bereits hinein?

  2. 02

    Was wirkt bereits?

    Sprache, Geschmack, Körperhaltung und Erwartungen entstehen nicht unabhängig von unserer Umgebung. Familie, Bildung, gesellschaftliche Rollen und soziale Erfahrungen können beeinflussen, was wir als selbstverständlich empfinden.

    Was wir häufig wiederholen, kann irgendwann wie eine persönliche Eigenschaft erscheinen.

    Doch Prägung bedeutet nicht Unveränderbarkeit. Menschen können Gewohnheiten erkennen, verändern und neue Erfahrungen machen.

    Wann wird aus etwas Erlerntem das scheinbar unveränderliche „Ich bin halt so“?

  3. 03

    Wer spricht, wer schweigt?

    Der Song beschreibt zwei Kinder: Eines hebt die Hand, das andere nicht.

    Doch Schweigen bedeutet nicht automatisch fehlendes Selbstvertrauen. Ein Kind kann nachdenken, zuhören, unsicher sein oder sich bewusst gegen eine Antwort entscheiden.

    Mich interessiert, wie Lernumgebungen unterschiedliche Formen der Beteiligung ermöglichen oder erschweren.

    Welche Erwartungen bestimmen, wer als aktiv, begabt oder selbstbewusst wahrgenommen wird?

  4. 04

    Und was ist mit mir?

    Auch meine Wahrnehmung ist geprägt. Wenn ich jemanden als zurückhaltend, selbstbewusst oder selbstverständlich zugehörig beschreibe, bringe ich eigene Erfahrungen und Maßstäbe mit.

    Vielleicht erkenne ich bestimmte Muster schnell, weil sie mir vertraut sind. Andere übersehe ich gerade deshalb.

    Wann untersuche ich das Verhalten anderer – und wann müsste ich zuerst meine eigene Interpretation hinterfragen?

    Ich kann nicht außerhalb der gesellschaftlichen Prägungen stehen, die ich untersuche.

  5. 05

    Was verändert sich?

    Ausgangsfrage

    Am Anfang stand die Frage: Was spricht, bevor du sprichst?

    Weiterentwickelte Frage

    Inzwischen frage ich: Wie können wir erkennen, welche Erfahrungen unser Verhalten beeinflussen, ohne Menschen auf ihre Herkunft oder ihre Gewohnheiten festzulegen?

    Die Untersuchung verschiebt sich von der Suche nach unsichtbaren Prägungen zu den Möglichkeiten, mit ihnen bewusst umzugehen.

    Nicht jede Gewohnheit muss überwunden werden. Aber sie sollte veränderbar bleiben.

  6. 06

    Wie untersuche ich weiter?

    Ich möchte alltägliche Situationen betrachten: einen Raum betreten, eine Gruppe ansprechen, eine Entscheidung treffen oder eine ungewohnte Aufgabe beginnen.

    Was geschieht spontan? Wann zögere ich? Welche Erwartungen bemerke ich erst im Nachhinein?

    Ein möglicher CMG Materialraum könnte mit Körperhaltung, Bewegung, räumlichen Anordnungen und ungewohnten Rollen arbeiten. Mich interessiert, ob sich die eigene Wahrnehmung verändert, wenn vertraute Abläufe unterbrochen werden.

    Mögliche Fortsetzung – noch nicht durchgeführt.

  7. 07

    Beziehungen

    DIE STIMME, DIE NICHT DRANKOMMT — Wie entstehen unterschiedliche Möglichkeiten, gehört zu werden?

    PAUSE AND PERCEIVE — Was wird sichtbar, wenn ich meine spontane Interpretation unterbreche?

    EDUCATION — Wie können unterschiedliche Denk-, Lern- und Ausdrucksweisen Raum erhalten?

    WORK — Welche unausgesprochenen Erwartungen beeinflussen Zugehörigkeit und Beteiligung?

    DEMOCRACY — Wer fühlt sich berechtigt, öffentlich zu sprechen, und wer wird tatsächlich gehört?

Untersuchungsverlauf

  1. Ausgang

    Künstlerischer Ausgangspunkt

    Bezug zum bisherigen Stand

    Der Song HABITUS — WAS SPRICHT, BEVOR DU SPRICHST? untersucht erlernte Selbstverständlichkeiten in Sprache, Gesten und Verhalten.

  2. Spätere Wiederaufnahme · Perspektivverschiebung ·

    Redaktioneller Untersuchungsentwurf

    Bezug zum bisherigen Stand

    Die Frage erweitert sich auf die Grenzen der eigenen Interpretation und die Veränderbarkeit erlernter Muster.

  3. Spätere Wiederaufnahme · Neues Experiment

    Mögliche Fortsetzung

    Bezug zum bisherigen Stand

    Situationen der Zugehörigkeit, des Sprechens und des Zögerns beobachten und unterschiedliche räumliche und körperliche Bedingungen untersuchen.

Wo steht die Untersuchung heute?

Stand vom 31.10.2026

Ich habe mit der Vorstellung begonnen, dass vieles bereits wirkt, bevor wir bewusst handeln.

Inzwischen interessiert mich stärker, wie ich solche Einflüsse erkennen kann, ohne daraus vorschnelle Erklärungen über andere Menschen abzuleiten.

Eine Geste kann gelernt sein. Sie kann aber auch eine bewusste Entscheidung ausdrücken. Oft kenne ich ihre Geschichte nicht.

Vielleicht beginnt Veränderung nicht damit, dass ich meine Prägungen ablege, sondern damit, dass ich sie wahrnehme und neue Handlungsmöglichkeiten entdecke.

Die Untersuchung bleibt offen.

Was gibt meinem Verhalten Richtung? Meine Herkunft, meine Erfahrungen, meine Gewohnheiten, mein Körper oder die Erwartungen anderer?

Und wann bemerke ich, dass das, was sich selbstverständlich anfühlt, auch anders möglich wäre?

ICH UNTERSUCHE. UND ICH TEILE.

Steffen Rolla · Künstlerische Untersuchung · Offener redaktioneller Entwurf

Beziehungen — andere Situationen, verwandte Fragen

  • Entstanden aus

    HABITUS — WAS SPRICHT, BEVOR DU SPRICHST?

    Der Song ist der künstlerische Ausgangspunkt dieser Untersuchung.

    Wie viel von dem, was ich für mein eigenes halte, habe ich bereits gelernt?

    Schritt: Künstlerischer Impuls

  • Gemeinsame Frage

    DIE STIMME, DIE NICHT DRANKOMMT

    Wie entstehen unterschiedliche Möglichkeiten, gehört zu werden?

    Wie entstehen unterschiedliche Möglichkeiten, gehört zu werden?

    Schritt: Beziehungen

  • Gemeinsame Frage

    PAUSE AND PERCEIVE.

    Was wird sichtbar, wenn ich meine spontane Interpretation unterbreche?

    Was wird sichtbar, wenn ich meine spontane Interpretation unterbreche?

    Schritt: Beziehungen

  • Gemeinsame Frage

    DER PO WAR ZUERST EIN MUSKEL.

    Welche erlernten Vorstellungen beeinflussen meinen Blick?

    Welche erlernten Vorstellungen beeinflussen meinen Blick?

    Schritt: Beziehungen

  • Gemeinsame Frage

    WEM GEHÖRT EINUNDZWANZIG?

    Wie werden gelernte Gewohnheiten zu scheinbaren Selbstverständlichkeiten?

    Wie werden gelernte Gewohnheiten zu scheinbaren Selbstverständlichkeiten?

    Schritt: Beziehungen

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