Kurs 16 · Gabriele Musebrink

Flächen im farbreduzierten Raum

Differenz · Relation, Farbreduktion, gemeinsamer Bildraum

8 Lektionen · 1h 24m

Flächen im farbreduzierten Raum

Zugang

In Flächen im farbreduzierten Raum entwickelt Gabriele Musebrink ein ungegenständliches Materialbild aus drei deutlich unterschiedlichen Ausgangsflächen:

Marmormehl, getrocknetem Kaffeesatz und Holzasche.

Die Materialien unterscheiden sich in Farbe, Körnung, Bindung und Reaktionsweise. Musebrink versucht nicht, diese Unterschiede durch eine einheitliche Oberfläche zu beseitigen.

Ihre Aufgabe ist eine andere:

Die Flächen sollen verschieden bleiben und dennoch einen gemeinsamen Bildraum bilden.

Drei Materialien – drei Eigenarten

Die helle Marmormehlstruktur ist fein, fest und synthetisch gebunden.

Der Kaffee ist dunkel, organisch, grobkörnig und saugend.

Die Holzasche wird mit Warmleim gebunden und entwickelt eine matte, rötlich-graue Materialfläche.

Damit beginnt das Bild nicht auf einem neutralen Untergrund.

Die Materialien sind bereits Farbe, Oberfläche und Bildraum.

Ihre Eigenarten sollen im weiteren Prozess nicht verschwinden.

Verbindung beginnt von Anfang an

Musebrink behandelt die drei Flächen nicht wie voneinander getrennte Bilder.

Schon beim ersten Marmormehlauftrag reichen feine Spuren in andere Bereiche hinein.

Später kehren Hämatit, Kreide, Rot oder Schwarz an verschiedenen Stellen wieder.

Verbindung wird deshalb nicht erst am Ende hergestellt.

Der Zusammenhang wird während des gesamten Prozesses mitgeführt.

Die Bewegung lautet:

TRENNEN → VERBINDEN → DIFFERENZIEREN → ERNEUT VERBINDEN

Verbindung ist nicht Gleichheit

Eine einfache Möglichkeit, die unterschiedlichen Bereiche zusammenzuführen, wäre eine gemeinsame deckende Farbschicht.

Musebrink entscheidet sich dagegen.

Der Kaffee soll Kaffee bleiben.

Die Asche soll ihre eigene Stofflichkeit behalten.

Die Marmormehlfläche darf weiterhin anders reagieren als beide.

Gemeinsamkeit entsteht stattdessen durch:

  • Wiederkehr,
  • Übergänge,
  • ähnliche Bewegungen,
  • verwandte Farbtöne,
  • räumliche Beziehungen.

Zusammenhang entsteht nicht dadurch, dass alles gleich wird. Er entsteht durch Beziehungen zwischen Unterschieden.

Der Kaffee arbeitet weiter

Der getrocknete Kaffeesatz bleibt über den gesamten Prozess reaktionsfähig.

Wird er später erneut angefeuchtet, kann seine braune Farbe wieder in Bewegung geraten.

Er beeinflusst:

  • hellere Kreideschichten,
  • Hämatit,
  • Rot,
  • spätere Flüssigkeitsbewegungen.

Eine frühe Schicht ist nicht abgeschlossen, nur weil andere Schichten auf ihr liegen.

Vergangenes kann unter neuen Bedingungen erneut wirksam werden.

Asche wird wieder zum Material

Holzasche ist zunächst ein Reststoff.

Musebrink verbindet sie mit Warmleim und macht daraus eine eigenständige Oberfläche.

Aus einem Verbrennungsrest wird erneut ein aktiver Bildstoff.

Ein Material kann seine Funktion verändern, ohne seine Herkunft zu verlieren.

Die Asche ist Struktur, Farbe und später zugleich Verbindungselement zwischen anderen Bildbereichen.

Hämatit verändert, ohne zu ersetzen

Spanischer Hämatitsand wird zunächst auf die dunkle Kaffeefläche gesetzt.

Der Kaffee erscheint dadurch kühler und mineralischer.

Doch er verschwindet nicht.

Seine Körnung, seine Farbe und seine spätere Reaktionsfähigkeit bleiben erhalten.

Eine neue Schicht ersetzt die vorherige nicht. Sie verändert, wie die vorherige gelesen wird.

Musebrink führt den Hämatit außerdem in andere Bereiche des Bildes.

Die Wiederkehr desselben Materials schafft Verbindung zwischen unterschiedlichen Flächen.

Weniger Farbe – mehr Material

Die Farbpalette bleibt bewusst begrenzt:

WEISS · CREME · GRAU · SCHWARZ · BRAUN · GEDÄMPFTES ROT

Gleichzeitig wächst die Zahl der Materialzustände:

GLATT · RISSIG · KRUSTIG · PUDRIG · MATT · REFLEKTIEREND · OFFEN · VERDICHTET

Die Farbe wird reduziert, damit die Unterschiede der Materialien deutlicher wahrnehmbar bleiben.

Farbreduktion bedeutet deshalb nicht weniger Bild.

Im Gegenteil:

Die Farbpalette wird enger, damit der Materialraum weiter werden kann.

Farbe verändert Stofflichkeit

Champagnerkreide und Savonnière-Steinmehl hellen dunklere Bereiche auf.

Doch sie verändern nicht nur den Farbwert.

Eine Kaffeefläche kann durch Kreide:

  • matter,
  • pudriger,
  • mineralischer,
  • räumlich tiefer

erscheinen.

Eine farbliche Veränderung ist zugleich eine Veränderung des Materialcharakters.

Gleiche Helligkeit bedeutet nicht gleiche Oberfläche.

Erst Farbe herstellen, dann öffnen

Für die späteren Aufträge arbeitet Musebrink mit Warmleimfarben.

Kreide oder Pigment werden zunächst vollständig mit dem Bindemittel verbunden.

Erst danach wird die Farbe mit Wasser verdünnt.

Diese Reihenfolge ist wesentlich:

Dünn und transparent zu arbeiten bedeutet nicht, auf ausreichende Bindung zu verzichten.

Eine Oberfläche darf optisch offen und kreidig erscheinen und trotzdem technisch stabil sein.

Lasur und gesprengter Farbauftrag

Musebrink unterscheidet verschiedene Formen dünner Farbe.

Eine Lasur bleibt als zusammenhängende transparente Farbschicht erhalten.

Beim gesprengten Farbauftrag werden die Pigmentteilchen stärker voneinander getrennt.

Sie bewegen sich mit der Flüssigkeit und sammeln sich bevorzugt in:

  • Rissen,
  • Vertiefungen,
  • Materialtälern.

Die Schüttung kann eine Struktur sichtbar machen, statt sie zu bedecken.

Die Topografie des Bildes entscheidet mit, wo Farbe erscheint.

Das langsame Wiegen

Ein zentraler Arbeitsschritt ist die Bewegung der gesamten Leinwand.

Musebrink spricht ausdrücklich vom Wiegen, nicht vom schnellen Kippen.

Sie verändert langsam:

  • Neigung,
  • Richtung,
  • Geschwindigkeit,
  • Dauer.

Pigmente und Kreiden erhalten dadurch Zeit, sich entsprechend ihrer eigenen Eigenschaften zu bewegen.

Musebrink führt den Raum der Bewegung – nicht jedes einzelne Pigmentkorn.

Die Gestaltung liegt in den Bedingungen des Feldes.

Auch Gewicht malt

Beim Wiegen wird eine Eigenschaft wichtig, die zunächst kaum als malerische Kategorie erscheint:

das physische Gewicht des Materials.

Schwerere Pigmente sinken schneller.

Sie lagern sich anders ab als feinere und leichtere Stoffe.

Eine unsichtbare Eigenschaft des Materials entscheidet mit über die sichtbare Form.

Farbe besteht damit nicht nur aus Farbton.

Sie besitzt Masse, Körnung und Bewegung.

Wiederholung ohne Kopie

Musebrink spricht im Kurs von „Spiegelungen“.

Damit meint sie keine symmetrische Wiederholung.

Ein Rotton kann an anderer Stelle erneut erscheinen.

Hämatit kann verschiedene Bereiche verbinden.

Eine helle, kreidige Wirkung kann an mehreren Orten auftauchen.

Zusammenhang entsteht durch Wiedererkennen, nicht durch Identität.

Die zweite Stelle muss der ersten nicht gleichen, um mit ihr verbunden zu sein.

Der schöne Zwischenzustand darf sich verändern

Während des Prozesses entstehen immer wieder Stellen, die für sich bereits überzeugend wirken.

Musebrink schützt sie nicht automatisch.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur:

Ist diese Stelle gelungen?

Sondern:

Was braucht das gesamte Bild?

Ein gelungener Zwischenzustand besitzt kein automatisches Recht auf Erhaltung.

Die Eigenständigkeit einer Fläche darf den größeren Zusammenhang nicht blockieren.

Die Oberfläche zeigt ihre Geschichte

Musebrink entfernt nicht jede Laufspur und nicht jede Pigmentablagerung.

Im fertigen Bild dürfen Spuren sichtbar bleiben von:

  • Schüttungen,
  • Flüssigkeitswegen,
  • Bewegung der Leinwand,
  • unterschiedlichen Pigmentgewichten,
  • früheren Bildzuständen.

Die Oberfläche ist nicht nur Ergebnis. Sie ist teilweise Protokoll ihres Entstehens.

Das Bild zeigt damit nicht nur, was geworden ist, sondern auch etwas davon, wie es geworden ist.

Eine Grenze der historischen Aufzeichnung

Am Ende erkennt Musebrink, dass einzelne Bereiche noch einen stärkeren hellen Gegenpol benötigen.

Sie entscheidet sich für einen weiteren gesprengten Auftrag mit Zinkweiß.

Dieser Arbeitsschritt ist im historischen Film jedoch nicht mehr zu sehen.

Er ist nur in der begleitenden Schritt-für-Schritt-Dokumentation überliefert.

Die Quelle dokumentiert die Entscheidung für den letzten Weißauftrag – nicht seine filmische Ausführung.

Diese Grenze bleibt in der Edition sichtbar.

Ein Schlüsselwerk über Verschiedenheit und Zusammenhang

Flächen im farbreduzierten Raum führt mehrere zentrale Aspekte von Musebrinks Arbeitsweise zusammen:

DIFFERENZ Marmormehl, Kaffee und Asche behalten ihre Eigenarten.

RELATION Der gemeinsame Bildraum entsteht aus Beziehungen zwischen den Flächen.

REDUKTION Eine begrenzte Farbpalette hält die Wahrnehmung für materielle Unterschiede offen.

REAKTIVIERUNG Der getrocknete Kaffee kann später erneut wirksam werden.

WIEDERKEHR Ähnliche Farben und Materialien verbinden entfernte Bildbereiche.

FELD Die Leinwand wird als Ganzes bewegt.

GEWICHT Physische Materialeigenschaften bestimmen die Ablagerung der Farbe mit.

VORLÄUFIGKEIT Auch überzeugende Zwischenzustände dürfen weiter verändert werden.

SPUR Die Geschichte des Entstehens bleibt teilweise sichtbar.

In „Flächen im farbreduzierten Raum“ verbindet Musebrink drei sehr unterschiedliche Materialwelten, ohne ihre Unterschiede zu beseitigen. Das Bild entsteht aus einem fortlaufenden Austarieren von Eigenständigkeit und Beziehung.

In der Musebrink Edition

Die vollständige Edition verbindet die historische Kursaufzeichnung mit der Erschließung von 2026.

KURS · EINSTIEG Rekonstruktion der drei Materialräume aus Marmormehl, Kaffee und Asche und ihrer schrittweisen Verbindung.

ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von Verschiedenheit, Relation, Farbreduktion, Wiederkehr und gemeinsamem Bildraum.

KURS / VIDEOS / MATERIAL Sieben historische Videos sowie Materialien, Rezepturen, Schritt-für-Schritt-Anleitung und Fotodokumentation.

SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion von Marmormehl-, Kaffee- und Aschefläche, Hämatit, Warmleimfarben, Schüttungen, Wiegen und dem dokumentierten Weg bis zum vorgesehenen letzten Weißauftrag.

Zugang