In Transluzenz durch Wachs auf Leinwand entwickelt Gabriele Musebrink auf einer langgestreckten Leinwand einen vielschichtigen, überwiegend blauen Farbraum.
Marmormehl, Tusche, Öl, Hämatit, Buchbinderleim und Eitempera bilden zunächst mehrere übereinanderliegende Bildzustände.
Dann setzt Musebrink mitten in diesen bereits weit entwickelten Prozess eine Wachsschicht.
Das Wachs ist hier kein abschließender Schutz.
Eine Schicht, die wie ein Ende erscheinen könnte, wird zum Ausgangspunkt einer neuen Bildphase.
Der Bildraum beginnt im Material
Musebrink setzt eine asymmetrische Marmormehlstruktur auf die 60 × 150 Zentimeter große Leinwand.
Teile der ursprünglichen Leinwand bleiben frei.
Mit einem breiten Flächenspachtel arbeitet sie großräumig und mit wenig Druck.
Es entstehen Verdichtungen, Ränder, leichte Riffelungen, offene Flächen und unterschiedliche Materialhöhen.
Die Komposition steht dabei nicht vorher fest.
Musebrink spricht eher von einer ersten Verortung.
Die erste Setzung erzeugt einen Zustand, auf den die nächste Entscheidung antwortet.
Der Untergrund ist damit bereits Bild.
Eine schnelle Geste beginnt langsam
In die noch feuchte Struktur setzt Musebrink einen schwarzen Zen-Strich.
Die sichtbare Handlung dauert nur einen kurzen Moment.
Die Vorbereitung ist wesentlich länger.
Musebrink betrachtet die Leinwand, konzentriert sich und entscheidet zunächst nur, wo die Linie beginnen soll.
„Ich gucke, spüre jetzt, wo ich ansetze.“
Den vollständigen Verlauf legt sie nicht vorher fest.
BETRACHTEN → SAMMELN → ANSETZEN → GESTE
Eine schnelle Entscheidung muss nicht schnell entstanden sein.
Die gesetzte Spur verändert sich weiter
Schwarze Tusche trifft auf Leinöl.
Hämatitsand bleibt in den öligen und noch feuchten Bereichen hängen.
Nach der Handlung beginnt das Material weiterzuarbeiten.
Während der Trocknung bewegen Öl und Flüssigkeit Teile von Tusche und Sand.
Musebrink beschreibt, das Bild habe sich:
„selbstständig weitergemalt“.
Die Voraussetzungen dafür hat sie bewusst geschaffen.
Doch der Zustand entwickelt sich weiter, nachdem ihre Hand den Eingriff beendet hat.
Die Handlung endet. Ihre materielle Wirkung nicht.
Ein blauer Farbraum entsteht
Nach einer weiteren transparenten Spur aus Buchbinderleim beginnt Musebrink mit Eitempera einen intensiven blauen Farbraum aufzubauen.
Indigo, Kobaltblau, weitere Blautöne und Chromoxidhydratgrün treffen auf sehr unterschiedliche Untergründe:
LEINWAND · MARMORMEHL · TUSCHE · ÖL · HÄMATIT · LEIM
Dieselbe Farbe erscheint deshalb nicht überall gleich.
Sie kann heller oder dunkler, matter oder glänzender, dichter oder transparenter wirken.
Der Farbraum entsteht nicht nur aus den Pigmenten. Er entsteht aus ihrer Beziehung zu den bereits vorhandenen Schichten.
Spürendes Sehen
Musebrink bezeichnet ihre Wahrnehmung während des Arbeitens als „spürendes Sehen“.
Die nächste Entscheidung entsteht für sie aus dem Zusammenspiel von:
- dem gegenwärtigen Bildzustand,
- körperlicher Wahrnehmung,
- Materialerfahrung,
- Erinnerung,
- und unmittelbarer Beobachtung.
Was spontan erscheinen kann, ist damit nicht voraussetzungslos.
Intuition erscheint hier als verdichtetes Erfahrungswissen im unmittelbaren Vollzug.
Dann kommt das Wachs
An einem Punkt, an dem bereits ein komplexer blauer Bildraum entstanden ist, trägt Musebrink Wachs auf.
Das ist der entscheidende Eingriff des Kurses.
Die Wachsschicht legt sich zwischen:
DAS BEREITS GEMALTE
und
DAS NOCH KOMMENDE
Zunächst wirkt sie störend.
Die Oberfläche erscheint heller, stumpfer und weißlicher.
Ein Teil der zuvor aufgebauten Farbtiefe scheint verloren.
Musebrink hält diesen Zustand jedoch aus.
„Wenn das Thema Wachs ist, dann muss ich erst einmal Wachs hineinbringen.“
Und noch präziser:
„Wo nichts ist, kann man auch nichts abtragen.“
Erst setzen, dann beurteilen
Musebrink nimmt die Wachsschicht nicht sofort wieder zurück.
Sie lässt sie zunächst tatsächlich entstehen.
Erst danach wird mit Lösemittel und Lappen partiell wieder geöffnet, verteilt und reduziert.
Damit zeigt der Kurs eine wichtige Prozesslogik:
SETZEN → WIRKEN LASSEN → BEURTEILEN → ABTRAGEN
Zu frühe Korrektur kann verhindern, überhaupt zu erfahren, was ein neuer Zustand bewirken könnte.
Das gilt besonders für einen Übergangszustand, dessen endgültige Wirkung noch nicht sichtbar ist.
Vom Schleier zur Transluzenz
Während das Wachs aushärtet, verändert sich seine Erscheinung.
Der zunächst weißliche Schleier wird transparenter.
Der darunterliegende blaue Farbraum kehrt zurück – aber nicht mehr in derselben Unmittelbarkeit.
Er erscheint:
- tiefer,
- gebrochener,
- verschleierter,
- räumlich weiter entfernt.
Hier liegt der Unterschied zwischen Transparenz und Transluzenz.
Das Darunter bleibt sichtbar, ohne unmittelbar zugänglich zu sein.
Die Wachsschicht erzeugt einen Zwischenraum.
Distanz erzeugt Tiefe
Musebrink reduziert damit zunächst die unmittelbare Sichtbarkeit des früheren Bildzustands.
Gerade daraus entsteht eine größere räumliche Wirkung.
Der Blick unterscheidet nun mehrere Ebenen:
ALTER FARBRAUM → WACHS → WEISS → NEUE FARBSCHICHTEN
Nicht jede Distanz vermindert Wahrnehmung. Manche Distanz erzeugt erst Tiefe.
Auf dem scheinbaren Abschluss beginnt es erneut
Nach der Wachsschicht malt Musebrink weiter.
Mit Zinkweiß und Mohnöl entsteht zunächst eine helle lasierende Schicht.
Sie macht Wachsstrukturen sichtbar und schafft zugleich eine neue malerische Oberfläche.
Darüber folgen erneut Indigo, Kobaltblau und Grün in Öllasuren.
Der alte blaue Farbraum bleibt darunter vorhanden.
Ein neuer entsteht darüber.
Ein neuer Anfang braucht keine leere Fläche.
Das Vorherige muss nicht verschwinden, damit etwas Neues beginnen kann.
Das Wachs verändert die Bedingungen des Danach
Nach dem Wachs kann Musebrink nicht einfach mit denselben Verfahren weiterarbeiten wie zuvor.
Die Oberfläche ist nun öl- und wachshaltig und reagiert anders auf Flüssigkeit.
Die Unterbrechung betrifft deshalb nicht nur die Erscheinung des Bildes.
Sie verändert die Möglichkeiten der folgenden Arbeit.
Eine echte Unterbrechung lässt einen Prozess nicht einfach weiterlaufen. Sie verändert die Bedingungen seiner Fortsetzung.
Noch einmal stören
Nach langen Phasen feiner Lasuren öffnet Musebrink den Bildraum zum Schluss erneut.
Eine extrem verdünnte Eitemperafarbe trifft auf die ölige Wachsschicht.
Die Flüssigkeit perlt zunächst ab.
Spiritus öffnet die Oberfläche partiell.
Pigmente bleiben unregelmäßig zurück.
Nach viel Differenzierung und Kontrolle wird ein bewusst unsichereres Ereignis zugelassen.
Ein entwickelter Zustand muss nicht immer weiter verfeinert werden. Manchmal braucht er eine Störung, um erneut offen zu werden.
Gerade weil Musebrink die Materialeigenschaften kennt, kann sie diese Unvereinbarkeit gezielt einsetzen.
Schichten sind auch Zeiten
Im fertigen Bild liegen zahlreiche frühere Zustände gleichzeitig übereinander:
Marmormehl.
Zen-Strich.
Ölspur.
Hämatit.
Leimgeste.
Eitempera.
Sepia.
Wachs.
Zinkweiß.
Öllasuren.
Gesprengte Eitempera.
Keine dieser Ebenen löscht die vorherigen vollständig.
Die Gegenwart des Bildes besteht aus mehreren vergangenen Zuständen, die gleichzeitig weiterwirken.
Schichtung wird damit auch zu einer Form von Zeit.
Ein Schlüsselwerk über Unterbrechung
Transluzenz durch Wachs auf Leinwand führt mehrere zentrale Aspekte von Musebrinks Arbeitsweise zusammen:
SCHICHTUNG Frühere Bildzustände bleiben in späteren Phasen wirksam.
GESTE Der Zen-Strich wird lange vorbereitet und schnell ausgeführt.
EIGENZEIT Eine gesetzte Spur verändert sich nach dem Eingriff weiter.
UNTERBRECHUNG Wachs trennt zwei malerische Phasen voneinander.
TRANSLUZENZ Das Darunter bleibt sichtbar, aber vermittelt.
DISTANZ Eine zusätzliche Schicht erzeugt räumliche Tiefe.
NEUER ANFANG Die nächste Bildphase beginnt auf dem scheinbaren Abschluss.
ABTRAG Wachs und Farbe werden wieder geöffnet.
STÖRUNG Am Ende wird der hoch differenzierte Farbraum erneut einem offenen Ereignis ausgesetzt.
In „Transluzenz durch Wachs auf Leinwand“ unterbricht Musebrink einen bereits weit entwickelten Farbraum durch eine Wachsschicht. Das Vorherige bleibt erhalten, ist aber nicht mehr unmittelbar zugänglich. Auf dieser neuen Grenze beginnt eine weitere Malerei – und aus der Unterbrechung entsteht zusätzliche Tiefe.
In der Musebrink Edition
Die vollständige Edition verbindet die historische Kursaufzeichnung mit der Erschließung von 2026.
KURS · EINSTIEG Rekonstruktion des vielschichtigen Werkprozesses vom Marmormehlgrund bis zur abschließenden gesprengten Eitempera.
ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von Unterbrechung, Transluzenz, Distanz, Eigenzeit und Neubeginn.
KURS / VIDEOS / MATERIAL 16 historische Videos mit insgesamt 131 Minuten sowie Materialien, Rezepturen, Schritt-für-Schritt-Anleitung und Fotodokumentation.
SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion von Marmormehlstruktur, Zen-Strich, blauem Eitemperaraum, Wachsschicht, Zinkweiß, Öllasuren und abschließender Störung.







