Kurs 07 · Gabriele Musebrink

Häutungen

Warmleim · Eigenzeit, Häutung, verborgene Schichten

9 Lektionen · 1h 7m

Häutungen

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In Häutungen entwickelt Gabriele Musebrink ein großformatiges Materialbild auf Leinwand.

Kaffeesatz, Acrylemulsion, Schellack, Beizen, Warmleim und Marmormehl werden in mehreren Arbeits- und Trocknungsphasen miteinander verbunden.

Entscheidend ist dabei nicht nur, was Musebrink aufträgt.

Entscheidend ist, was zwischen ihren Eingriffen geschieht.

Warmleim schrumpft. Häute spannen sich. Flächen reißen. Schollen lösen sich. Frühere Farben treten wieder hervor.

Das Bild entwickelt sich weiter, während die Künstlerin nicht daran arbeitet.

Der Anfang bleibt wirksam

Musebrink beginnt mit getrocknetem Kaffeesatz und Acrylemulsion.

Der dunkle, körnige Grund wird später von weiteren Schichten überlagert. Doch er verschwindet nicht einfach.

Der Kaffee:

  • quillt,
  • verändert seine Struktur,
  • beeinflusst spätere Rissbildungen,
  • wirkt farblich durch andere Schichten hindurch.

Auch Schellack und Beizen bleiben im weiteren Aufbau aktiv.

Was nicht mehr sichtbar ist, kann weiterhin bestimmen, was sichtbar wird.

Die Oberfläche trägt damit ihre eigene Entstehungsgeschichte in sich.

Warmleim erzeugt Häute

Auf die vollständig getrocknete Untermalung folgen Schüttungen mit Warmleim.

Musebrink arbeitet mit zwei Varianten:

TRANSPARENTER WARMLEIM
und
WARMLEIM MIT MARMORMEHL

Der reine Leim erzeugt durchscheinende Flächen. Marmormehl macht die Schichten heller und milchiger, ohne sie vollständig zu schließen.

Beim Abkühlen verändert der Leim seinen Zustand:

FLIESSEND → GELIEREND → HAUTBILDEND → TROCKEN

Musebrink nutzt diese Übergänge bewusst.

Drei Schüttungen – drei Entscheidungen

Die Schüttungen sind keine bloßen Wiederholungen derselben Handlung.

Die erste erkundet und verbindet.

Die zweite erweitert die Fläche und erzeugt größere Bildräume.

Dann muss Musebrink warten.

Erst nachdem Warmleim, Kaffee, Schellack und Beizen über Tage oder Wochen miteinander reagiert haben, kann die dritte Schüttung entstehen.

Sie antwortet auf einen Zustand, den Musebrink vorher noch nicht kennen konnte.

Was eine Handlung bedeutet, hängt davon ab, auf welchen Zustand sie trifft.

Jetzt arbeitet die Zeit

Nach den ersten Schüttungen beginnt ein wesentlicher Teil des Bildprozesses ohne direkten Eingriff.

Der Warmleim verliert Wasser und schrumpft.

Häute ziehen sich zusammen.
Risse öffnen sich.
Schollen stellen sich auf.
Teile lösen sich.
Schellack tritt wieder hervor.
Farben verändern sich.

Musebrink sagt:

„Die malt sich von alleine weiter.“

Die Trocknung ist damit keine Pause zwischen zwei Arbeitsphasen.

Sie ist selbst ein Bildvorgang.

Abwesenheit gehört zum Prozess

Musebrink setzt Materialien und verlässt anschließend den unmittelbaren Arbeitsprozess.

Während ihrer Abwesenheit wirken die gesetzten Bedingungen weiter.

Sie kann bestimmen:

  • welche Materialien zusammentreffen,
  • wo sie aufgetragen werden,
  • wie dick eine Schicht ist,
  • wann eine Schüttung beginnt,
  • wann sie aufhört.

Sie kann jedoch nicht fortlaufend bestimmen, wie jede einzelne Haut oder jeder Riss entstehen wird.

Die Struktur lautet:

SETZUNG → ABWESENHEIT → VERÄNDERUNG → WAHRNEHMUNG → ANTWORT

Eine Entscheidung kann weiterwirken, nachdem die entscheidende Person die Situation verlassen hat.

Entstehenlassen ist nicht Bestehenlassen

Besonders deutlich wird das an einer vollständig abgelösten Warmleimscholle.

Musebrink lässt diese Reaktion zunächst geschehen.

Dann betrachtet sie die entstandene Öffnung.

Sie entscheidet, dass die Leerstelle für das Bild zu groß ist – und befestigt die Scholle wieder.

Damit wird eine wichtige Grenze sichtbar.

Offenheit gegenüber dem Material bedeutet nicht, jedes entstandene Ergebnis übernehmen zu müssen.

Materialreaktion ist nicht automatisch künstlerische Entscheidung.

Zufall ist nicht automatisch Qualität.

Musebrink lässt entstehen – und prüft anschließend, was bestehen bleiben soll.

Das Material schreibt zuerst

Nach den großen Materialreaktionen beginnt eine feinere Phase.

Musebrink nennt sie:

„das Bild beschreiben“.

Mit Tusche, Feder und anderen zeichnerischen Werkzeugen reagiert sie auf:

  • Risse,
  • Kanten,
  • Falten,
  • Häutungsränder,
  • Schollen,
  • Bewegungen der Oberfläche.

Die Zeichnung steht also nicht am Anfang.

Zunächst entstehen Materialspuren.

Dann werden sie wahrgenommen.

Erst danach folgt die menschliche Linie.

MATERIALREAKTION → LESEN → BESCHREIBEN

Zuerst schreibt sich das Material in das Bild ein. Danach antwortet Musebrink mit ihrer eigenen Linie.

Beschreiben verändert

Die spätere Zeichnung dokumentiert die Materialspur jedoch nicht neutral.

Eine Linie kann einen Riss verlängern, eine Grenze verstärken, zwei Bereiche verbinden oder eine vorhandene Bewegung unterbrechen.

Aus dem Lesen entsteht erneut Handlung:

LESEN → BESCHREIBEN → VERÄNDERN

Das Bild antwortet auf Musebrink – und Musebrink antwortet auf das Bild.

Auch das Format wirkt mit

Die Leinwand misst 100 × 140 Zentimeter und besitzt ein deutliches Querformat.

Musebrink verbindet damit Bewegung in die Breite, Weite und landschaftliche Vorstellungen.

Das Format ist deshalb nicht lediglich der äußere Rahmen eines fertigen Bildes.

Es beeinflusst bereits, welche Bewegungen auf der Fläche naheliegen.

Form wird damit nicht nur Ergebnis einer Handlung.

Form kann bereits Bedingung von Handlung sein.

Kurszeit ist nicht Werkzeit

Die historische Aufzeichnung umfasst 66 Minuten.

Die wesentlichen praktischen Eingriffe lassen sich über wenige Tage verteilen.

Der reale Materialprozess benötigt jedoch wesentlich länger.

Einzelne Schichten trocknen über Tage. Vor späteren Eingriffen können ein oder zwei Wochen vergehen.

VERMITTLUNGSZEIT ≠ PROZESSZEIT

Ein Verfahren lässt sich zeigen. Seine Eigenzeit lässt sich nicht abkürzen.

Natur als wirklicher Vorgang

Der Titel Häutungen bezieht sich auf pergamentartige Flächen, Falten, Risse, Schuppen, Ablösungen und fragile Häute.

Musebrink verbindet sie mit Vorgängen wie:

  • Austrocknung,
  • Altern,
  • Welken,
  • Fragilität,
  • Veränderung,
  • Erneuerung.

Diese Erscheinungen werden jedoch nicht illustriert.

Das Material selbst trocknet, schrumpft, faltet sich und löst sich.

Natur erscheint hier nicht als Motiv, sondern als tatsächlicher Veränderungsvorgang im Material.

Ein Schlüsselwerk der Edition

Häutungen führt mehrere zentrale Aspekte von Musebrinks Arbeitsweise besonders deutlich zusammen:

SCHICHTUNG Frühere Materialien bleiben im späteren Bild wirksam.

EIGENZEIT Der Bildprozess setzt sich ohne unmittelbaren Eingriff fort.

ABWESENHEIT Ein wesentlicher Teil des Werkes entsteht außerhalb der Anwesenheit der Künstlerin.

NICHTWISSEN Der konkrete Verlauf von Rissen, Häuten und Ablösungen bleibt offen.

ANTWORT Spätere Eingriffe können erst aus dem tatsächlich Gewordenen entstehen.

PRÜFUNG Nicht jede Materialreaktion wird automatisch übernommen.

LESEN Die zeichnerische Linie folgt auf bereits entstandene Materialspuren.

FORMAT Die Form der Leinwand beeinflusst Bewegung und räumliche Wahrnehmung.

Bei „Häutungen“ stellt Musebrink Bedingungen her, unter denen sich das Bild in ihrer Abwesenheit verändert – und entscheidet erst danach, wie sie auf diese Veränderung antwortet.

In der Musebrink Edition

Die vollständige Edition verbindet die historische Kursaufzeichnung mit der Erschließung von 2026.

KURS · EINSTIEG Rekonstruktion des großformatigen Werkprozesses und seiner Trocknungsphasen.

ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von Eigenzeit, verborgenen Bedingungen, Entstehenlassen, Prüfung und Beschreibung.

KURS / VIDEOS / MATERIAL Acht historische Videos sowie Materialien, Rezepturen und ergänzende Übungssequenzen von Sigrid Spee.

SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion der entscheidenden Zustände von Kaffeegrund, Schüttung, Hautbildung, Riss, Ablösung und zeichnerischer Weiterarbeit.

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