Kurs 08 · Gabriele Musebrink

Transparenzen auf Holz

Sumpfkalk · Verdeckung, Sichtbarkeit, Transparenz

2 Lektionen · 58m 52s

Transparenzen auf Holz

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In Transparenzen auf Holz entwickelt Gabriele Musebrink drei Arbeiten auf weiß grundierten Holzplatten.

Sand, Schellack, Nussbaumbeize, Kohle, Sumpfkalk, Pigmente, Kalkkasein und Wachs werden in mehreren Schichten miteinander verbunden.

Dabei entsteht Transparenz nicht dadurch, dass alle Materialien durchsichtig bleiben.

Viele frühe Spuren werden zunächst verdeckt.

Entscheidend ist, dass sie im weiteren Bildprozess wirksam bleiben und später in veränderter Form wieder sichtbar werden können.

Transparenz entsteht hier nicht durch vollständige Sichtbarkeit, sondern durch das Verhältnis von Verbergen, Weiterwirken und erneutem Sichtbarwerden.

Das Bild beginnt unter dem Sichtbaren

Bevor Musebrink die helle Sumpfkalkschicht aufträgt, ist bereits viel geschehen.

Feiner und grober Sand strukturieren die Oberfläche.

Schellack und Nussbaumbeize werden gesetzt.

Eine kräftige Kohlelinie organisiert den Bildraum.

Dann wird diese erste Bildanlage weitgehend mit Kalk überzogen.

Der Untergrund ist nicht nur technische Vorbereitung. Er ist bereits Bild – auch wenn er später kaum noch sichtbar ist.

Die frühen Setzungen verschwinden aus dem unmittelbaren Blick, bleiben aber Teil des weiteren Prozesses.

Verbergen ist nicht Löschen

Die Sumpfkalkschicht verdeckt Sand, Beize und Kohle.

Sie beseitigt sie jedoch nicht.

Die Sandstruktur verändert den Kalkauftrag. Beize kann später durchschlagen. Kohle kann erneut sichtbar werden. Frühere Verdichtungen beeinflussen spätere Farbschichten.

Nicht sichtbar zu sein ist nicht dasselbe wie nicht vorhanden zu sein.

Das Gegenwärtige enthält die Folgen früherer Zustände.

Eine Wirkung wird lange vor ihrer Sichtbarkeit gesetzt

Besonders deutlich wird dies bei der Nussbaumbeize.

Sie wird früh aufgetragen, anschließend verdeckt und kann erst später durch den hellen Kalk hindurch wieder erscheinen.

Die Folge lautet:

SETZUNG → VERDECKUNG → ZEIT → DURCHSCHLAG → SICHTBARKEIT

Die sichtbare Wirkung tritt also nicht im selben Moment auf wie ihre Ursache.

Manches ist bereits wirksam, bevor es wahrgenommen werden kann.

Wasser schreibt unsichtbar

Noch radikaler ist Musebrinks Arbeit mit Wasser.

In die weiße, feuchte Kalkoberfläche setzt sie Wasserspuren.

Im Moment der Handlung sind sie kaum zu erkennen:

WASSER AUF WEISS

Doch die Feuchtigkeit verändert die Dichte und Saugfähigkeit des Kalkes.

Erst bei späteren Farbaufträgen können diese Unterschiede sichtbar werden.

Eine Spur kann gesetzt sein, bevor überhaupt zu sehen ist, dass eine Spur entstanden ist.

Verdichtung gestaltet die Zukunft

Musebrink bearbeitet die dünne Sumpfkalkschicht intensiv mit dem Spachtel.

Dabei wird sie dichter, glatter und widerstandsfähiger.

Diese Verdichtung verändert nicht nur das gegenwärtige Aussehen.

Sie bestimmt, wie die Oberfläche später Pigment und Flüssigkeit aufnehmen kann.

Eine stark verdichtete Stelle reagiert anders als eine offenere.

Musebrink gestaltet damit nicht nur eine Oberfläche. Sie gestaltet ihre zukünftige Reaktionsfähigkeit.

Schleifen öffnet die Fläche erneut

Nach vollständiger Trocknung wird die Kalkoberfläche teilweise geschliffen.

Damit geschieht scheinbar das Gegenteil der vorherigen Verdichtung.

Poren öffnen sich. Höhen werden abgetragen. Frühere Schichten rücken näher. Neue Aufnahmefähigkeit entsteht.

Eine geschlossene Oberfläche wird partiell verletzt, damit sie wieder anders reagieren kann.

Das Schleifen ist deshalb kein bloßer Korrekturschritt.

Es verändert die Bedingungen der folgenden Malerei.

Farbe wird zum Lesen der Oberfläche

Kasselerbraun, Gubbio-Rot und andere Pigmente reagieren unterschiedlich auf:

  • verdichteten Kalk,
  • geschliffene Bereiche,
  • Rillen,
  • Poren,
  • frühere Beizen,
  • Sandstrukturen.

Farbe macht dadurch sichtbar, was vorher nur als materielle Bedingung vorhanden war.

Auch hier gilt:

Der Farbauftrag gestaltet nicht nur. Er untersucht die Oberfläche.

Musebrink erkennt durch die Reaktion der Farbe, wie der Bildgrund beschaffen ist.

Verdecken und Freilegen

Farbe wird anschließend wieder teilweise abgewaschen oder abgetragen.

Kalkweiß tritt erneut hervor.

Frühere Schichten erscheinen.

Doch sie kehren nicht in ihren ursprünglichen Zustand zurück.

Sand, Beize oder Kohle wurden inzwischen durch Kalk, Wasser, Pigment und Schleifen verändert.

Freilegen bedeutet nicht Zurückkehren.

Was wieder sichtbar wird, trägt die Geschichte der dazwischenliegenden Bearbeitungen bereits in sich.

Transparenz ist selektiv

Musebrink legt den frühen Bildgrund nicht vollständig wieder frei.

Einzelne Spuren erscheinen:

  • fragmentarisch,
  • abgeschwächt,
  • durchscheinend,
  • verfärbt,
  • nur in Rissen,
  • nur aus bestimmten Blickwinkeln.

Gerade diese unvollständige Sichtbarkeit erzeugt Tiefe.

Transparenz bedeutet nicht vollständige Offenlegung. Sie lässt verschiedene Ebenen gleichzeitig anwesend sein.

Wachs schafft einen weiteren Bildraum

Mit Cosmoloid-Wachs kommt eine zusätzliche Schicht hinzu.

Das darunterliegende Bild bleibt sichtbar, erscheint aber verändert:

  • tiefer,
  • weicher,
  • glänzender,
  • teilweise entfernter.

Goldene Schellacktusche kann nur aus bestimmten Winkeln oder bei bestimmtem Licht hervortreten.

Sichtbarkeit wird dadurch abhängig von:

DISTANZ · LICHT · BLICKWINKEL

Etwas kann im Bild vorhanden sein, ohne aus jeder Position gleichermaßen sichtbar zu sein.

Drei Bilder – drei Möglichkeiten

Musebrink arbeitet auf drei gleich großen Holzplatten.

Die Materialien und Verfahren ähneln sich.

Die Ergebnisse nicht.

Unterschiede in Sandverteilung, Verdichtung, Durchschlag, Schleifen, Pigment und Wachs führen zu drei eigenständigen Entwicklungen.

Wiederholt wird das Verfahren – nicht das Bild.

Die drei Arbeiten machen gerade durch ihre Unterschiede sichtbar, wie stark kleine Veränderungen der Bedingungen den weiteren Prozess beeinflussen.

Ein Schlüsselwerk über Sichtbarkeit

Transparenzen auf Holz verschiebt den Begriff der Transparenz.

Es geht nicht einfach um durchsichtig oder undurchsichtig.

Dazwischen liegen zahlreiche Zustände:

VERDECKT · LATENT · DURCHSCHEINEND · ZEITVERSETZT SICHTBAR · NUR AUS DER NÄHE SICHTBAR · NUR ALS WIRKUNG ERKENNBAR

Damit führt der Kurs mehrere zentrale Aspekte von Musebrinks Arbeitsweise zusammen:

VERBORGENE SCHICHTEN Frühere Setzungen wirken weiter.

LATENZ Wirkungen können lange vor ihrer Sichtbarkeit entstehen.

VERDICHTUNG Eine gegenwärtige Handlung verändert spätere Reaktionsmöglichkeiten.

ÖFFNUNG Schleifen und Abtrag schaffen neue Aufnahmefähigkeit.

SPUR Frühere Zustände erscheinen nur fragmentarisch wieder.

STANDPUNKT Sichtbarkeit hängt auch von Position, Licht und Entfernung ab.

Transparenz entsteht bei Gabriele Musebrink nicht dadurch, dass jede Schicht durchsichtig bleibt. Sie entsteht, weil frühere Spuren verdeckt, verändert und später erneut sichtbar werden.

In der Musebrink Edition

Die vollständige Edition verbindet die historische Kursaufzeichnung mit der Erschließung von 2026.

KURS · EINSTIEG Rekonstruktion des dreiteiligen Werkprozesses und des mehrschichtigen Bildaufbaus.

ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von Sichtbarkeit, Latenz, verdeckten Bedingungen und Oberflächengedächtnis.

KURS / VIDEOS / MATERIAL Zwei historische Videos sowie Materialien, Rezepturen und praktische Referenzen.

SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion von Sandgrund, verborgener Bildanlage, Kalkauftrag, Durchschlag, Schleifen, Farbauftrag und Wachsschichten.

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