In dieser frühen Aufzeichnung arbeitet Gabriele Musebrink an einem großformatigen Materialbild auf Leinwand.
Ausgangspunkt ist eine mehrtägige Trekkingtour durch den Himalaya – körperlich geprägt von Höhe, Hitze, Anstrengung und dem unmittelbaren Erleben einer überwältigenden Landschaft.
Musebrink bildet diese Landschaft jedoch nicht ab.
Es entstehen keine Berge oder Felsen als gegenständliche Motive. Die Erfahrung kehrt auf einer anderen Ebene wieder:
als Gewicht, Widerstand, Schichtung, Verdichtung und Bewegung des Materials.
Der Himalaya erscheint nicht als Motiv. Er erscheint als körperliche Erfahrung im Material.
Eine Oberfläche wird zum Bildkörper
Quarzsand, Schiefersplitt, Haftputzgips, Marmormehl, Pigmente, Beizen, Öl und Wachs werden geschichtet, bewegt, eingerieben, wieder geöffnet und teilweise abgetragen.
Die Leinwand ist dabei zunächst nur der Träger.
Der eigentliche Bildraum entsteht aus der aufgebauten Materialschicht:
- raue und glatte Bereiche,
- Vertiefungen und Erhöhungen,
- Riefen,
- Verdichtungen,
- unterschiedliche Saugfähigkeiten,
- mineralische und glänzende Oberflächen.
Farbe trifft deshalb nie auf einen neutralen Grund.
Sie trifft auf einen bereits gewordenen Materialkörper.
Musebrink malt nicht nur auf einer Oberfläche. Sie stellt eine Oberfläche her, die anschließend selbst am Malprozess beteiligt ist.
Material reagiert
Beizen laufen in Riefen und Vertiefungen.
Pigmente sammeln sich unterschiedlich auf Gips, Marmormehl und Sand.
Öl und Acrylemulsion treffen aufeinander und erzeugen Bewegungen, Grenzen und Verdichtungen, deren genaue Erscheinung nicht vollständig vorausbestimmt werden kann.
Musebrink bewegt die Leinwand, beobachtet und wartet.
Dann übernimmt die Trocknung.
Flüssigkeiten wandern weiter. Farben verändern ihre Intensität. Material zieht an. Konzentrationen werden erst später sichtbar.
Die Handlung endet – ihre materielle Wirkung nicht.
Der Bildprozess besteht deshalb nicht nur aus den Momenten, in denen Musebrink unmittelbar eingreift.
Auch die Zeit zwischen den Eingriffen gehört zum Werk.
Aufbauen und wieder öffnen
Nach der Trocknung wird der entstandene Zustand erneut bearbeitet.
Dunkles Pigment wird in Vertiefungen eingearbeitet und teilweise wieder zurückgenommen. Schleifen legt frühere Material- und Farbschichten frei. Wachs verändert schließlich Tiefe, Glanz und Farbintensität.
Die Hand arbeitet dabei unmittelbar mit der Haptik der Oberfläche.
Auftrag und Abtrag gehören gleichermaßen zum Prozess:
AUFBAUEN → BEWEGEN → TROCKNEN → PRÜFEN → EINARBEITEN → ABTRAGEN → ERNEUT VERDICHTEN
Das Bild entsteht nicht durch eine einzige Setzung, sondern durch eine Folge materieller Zustände.
Vorstellung ohne Festhalten
Kraft der Haptik zeigt bereits früh eine Haltung, die sich durch viele spätere Aufzeichnungen der Edition ziehen wird.
Musebrink beginnt nicht ohne Vorstellung.
Aber sie behandelt diese Vorstellung nicht als Vorgabe, der das Material folgen muss.
Sie beobachtet, was tatsächlich entsteht, und entscheidet aus diesem Zustand heraus weiter.
Eine angenommene Materialgrenze wird praktisch überprüft. Ein unerwarteter Verlauf kann übernommen werden. Ein überzeugender Zustand darf sich erneut verändern.
Eine Vorstellung haben – ohne an ihr festzuhalten.
Materialwissen und Offenheit sind dabei keine Gegensätze.
Gerade weil Musebrink ihre Materialien kennt, kann sie Situationen herstellen, deren konkreter Ausgang offen bleiben darf.
Ein früher Schlüssel zur Musebrink Edition
Aus heutiger Sicht gehört Kraft der Haptik zu den Arbeiten, an denen sich zentrale Elemente von Musebrinks späterer Praxis bereits deutlich erkennen lassen:
MATERIAL Die Oberfläche ist nicht Untergrund, sondern aktiver Bestandteil des Bildes.
KÖRPER Spachteln, Reiben, Wiegen, Schleifen und Einwachsen sind körperliche Vorgänge.
ZEIT Trocknung und Materialreaktion führen den Prozess zwischen den Eingriffen weiter.
ERFAHRUNG Die Himalaya-Erfahrung wird nicht illustriert, sondern in eine materielle Bildsprache übersetzt.
ENTSCHEIDUNG Der nächste Schritt entsteht aus dem wahrgenommenen Zustand des Bildes.
Das Werk überträgt eine körperlich erfahrene Situation in einen Bildkörper.
In der Musebrink Edition
Die vollständige Edition verbindet die historischen Aufzeichnungen mit der Erschließung von 2026.
Zum Kurs gehören:
KURS · EINSTIEG Einordnung und Rekonstruktion des dokumentierten Werkprozesses.
ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von Wahrnehmung, Materialreaktion und Entscheidung.
KURS / VIDEOS / MATERIAL Historische Aufzeichnungen sowie Materialien, Rezepturen und praktische Referenzen.
SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion wichtiger Werkzustände.
Kraft der Haptik zeigt einen frühen Werkprozess, in dem Material nicht dazu dient, eine Landschaft abzubilden. Sand, Gips, Marmormehl, Pigmente, Öl und Wachs werden selbst zu Trägern einer Erfahrung von Schwere, Widerstand und Bewegung.







