Kurs 03 · Gabriele Musebrink

Fluss strukturierter Farbintensität

Gabriele Musebrink · 2010

Himalaya · Figurativ

6 Lektionen · 1h 24m

Fluss strukturierter Farbintensität

Zugang

In dieser frühen Kursaufzeichnung entwickelt Gabriele Musebrink ein weiteres Werk ihrer Himalaya-Serie.

Ausgangspunkt ist die Erinnerung an ein Basislager an einem Bergsee – an eine Landschaft, die Musebrink als zugleich unberührt, gewaltig und dem menschlichen Maß entzogen erlebt.

Doch auch hier wird die Erinnerung nicht nach einem fertigen Bildentwurf auf die Leinwand übertragen.

Marmormehl, Öl, Schellack, Gaze, Beizen, Acrylemulsion und Pigmente bilden einen Materialprozess, dessen konkrete Gestalt sich erst während des Arbeitens entwickelt.

Die Erinnerung ist vorhanden. Was daraus Bild wird, steht noch nicht fest.

Einen Zustand herstellen – und wieder verlieren

Musebrink beginnt mit einer festen Marmormehlstruktur und entwickelt sie so lange, bis das Verhältnis der Fläche für sie stimmt.

Dann beginnt sie genau diesen Zustand wieder zu verändern.

Leinöl wird eingearbeitet. Schellack trifft auf die noch feuchte Oberfläche. Gaze wird eingebettet. Beizen laufen durch unterschiedliche Materialzonen. Pigmente treffen auf Öl, Acrylemulsion, Schellack, Vertiefungen und Erhöhungen.

Ein bereits überzeugender Bildzustand ist damit nicht automatisch geschützt.

Ein Zustand kann für den gegenwärtigen Moment richtig sein und trotzdem wieder verlassen werden.

Das Bild entwickelt sich nicht als lineare Folge von unfertig zu fertig. Es durchläuft mehrere eigenständige, aber vorläufige Zustände.

Experiment im laufenden Werk

Einige Materialverbindungen kennt Musebrink sehr genau.

Andere untersucht sie im Moment der Aufnahme selbst.

Besonders der Einsatz von Schellack bleibt in seiner konkreten Wirkung zunächst offen. Musebrink weiß nicht vollständig, wie die Verbindung mit den bereits vorhandenen Stoffen reagieren wird.

Das Nichtwissen wird im Kurs nicht verborgen.

Materialkenntnis bedeutet hier nicht, jedes Ergebnis vorher zu kennen. Sie ermöglicht, ein Experiment verantwortbar offen zu halten.

Die Aufzeichnung zeigt deshalb nicht nur ein bereits abgeschlossenes Verfahren. Sie hält auch den Moment fest, in dem etwas noch untersucht wird.

Das Material arbeitet weiter

Nach den stark nassen Arbeitsphasen übernimmt die Trocknung.

Öl bewegt sich weiter. Schellack bildet Häute. Pigmente werden gebunden oder bleiben teilweise offen. Gaze und Risse treten deutlicher hervor. Farben verändern sich.

Der getrocknete Zustand ist nicht einfach das eingefrorene nasse Bild.

Die Handlung endet – der Bildprozess geht weiter.

Erst danach kann Musebrink beurteilen, was tatsächlich entstanden ist.

Auftrag und Abtrag

Weitere Pigmente werden gebunden, dunklere Bereiche aufgebaut und anschließend teilweise wieder geöffnet.

Mit Pinsel, Schwamm und Lappen werden frühere Schichten erneut sichtbar.

Der Abtrag dient dabei nicht nur der Korrektur.

Er zeigt, was unter und zwischen den Materialschichten entstanden ist.

AUFTRAG → REAKTION → TROCKNUNG → ABTRAG → NEUE SICHTBARKEIT

Abtragen bedeutet nicht, zum früheren Zustand zurückzukehren. Es macht sichtbar, was der Prozess inzwischen hervorgebracht hat.

Vom Materialkontakt zum Bildraum

Später richtet Musebrink die Leinwand auf.

Damit verändert sich auch ihre Arbeitsweise.

Aus der unmittelbaren Nähe zur Materialoberfläche tritt sie zurück und betrachtet stärker:

  • Proportion,
  • Hell und Dunkel,
  • Farbgewicht,
  • Spannung,
  • Ruhe,
  • Verbindungen im gesamten Bild.

Die Eingriffe werden kleiner.

Auch Drehung und Spiegel dienen dazu, den vertrauten Blick zu unterbrechen.

Nicht das Bild wird zunächst verändert, sondern die Bedingung, unter der es betrachtet wird.

Der Himalaya erscheint erst im Bild

Im Verlauf des Prozesses treten helles Blau, Orange, Grau, Spalten, Höhen und starke Kontraste hervor.

Erst jetzt erkennt Musebrink deutlicher eine Verbindung zu ihrer Himalaya-Erfahrung.

Die Landschaft war Ausgangspunkt der Arbeit – ihre konkrete Bildgestalt wurde jedoch nicht vorab festgelegt.

Die Bedeutung folgt der entstandenen Form.

Der Himalaya wird nicht illustriert. Er wird in dem erkannt, was aus Material, Bewegung, Trocknung und Farbe entstanden ist.

„Fertig ist immer ein Punkt im Augenblick“

Auch der Abschluss bleibt bei Musebrink eine gegenwärtige Entscheidung.

Sie arbeitet, bis sie sagen kann:

„Das kann jetzt so bleiben.“

Und formuliert zugleich:

„Fertig ist immer ein Punkt im Augenblick.“

Ein Werk kann abgeschlossen erscheinen und dennoch einer späteren Wahrnehmung ausgesetzt bleiben.

Ein früher Schlüssel zur Edition

Himalaya – Figurativ zeigt bereits 2010 zentrale Elemente einer Arbeitsweise, die sich durch viele spätere Aufzeichnungen ziehen wird:

MATERIALWISSEN Rezepturen geben Orientierung, die konkrete Entscheidung fällt am Material.

VORLÄUFIGKEIT Ein überzeugender Zustand darf wieder verloren gehen.

EXPERIMENT Nichtwissen bleibt innerhalb des Werkprozesses sichtbar.

EIGENZEIT Trocknung verändert das Bild ohne unmittelbaren Eingriff.

WAHRNEHMUNG Distanz, Drehung und Spiegel unterbrechen den vertrauten Blick.

BEDEUTUNG Das Thema wird nicht vollständig vorgegeben, sondern im entstandenen Bild wiedererkannt.

Musebrink setzt nicht einfach eine Erinnerung an den Himalaya ins Bild. Sie schafft einen Materialprozess, in dem diese Erinnerung erst eine sichtbare Form erhält.

In der Musebrink Edition

Die vollständige Edition verbindet die historische Kursaufzeichnung mit der Erschließung von 2026.

KURS · EINSTIEG Rekonstruktion des dokumentierten Werkprozesses.

ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von Vorläufigkeit, Materialwissen, Wahrnehmung und Entscheidung.

KURS / VIDEOS / MATERIAL Historische Aufzeichnungen sowie Materialien und Rezepturen.

SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion wichtiger Werkzustände.

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