Für diese Aufzeichnung besuchen wir Gabriele Musebrink auf Mallorca und begleiten sie auf einer ihrer Trekkingtouren.
Kalk- und Dolomitgestein, Erden, Sande, Farben und Schichtungen der Landschaft werden zum Ausgangspunkt einer Reihe kleiner Arbeiten auf Papier.
Musebrink möchte dabei keine fertigen Landschaftsbilder herstellen.
„Es ging mir nicht darum, fertige Bilder herzustellen. Ich wollte eine Spur aufnehmen und experimentieren.“
Aus Wandern, Zeichnen, Sammeln und Arbeiten entsteht ein mobiles Versuchsfeld zwischen Landschaftswahrnehmung, Körperbewegung und Materialreaktion.
Die Landschaft wird nicht abgebildet
Musebrink zeichnet und sammelt während ihrer Wanderungen.
Sie beobachtet:
- Gesteinsformationen,
- Kalk und Dolomit,
- Ocker-, Grau- und Weißtöne,
- Erden und Sande,
- Schichtungen und Ausblühungen.
Am Arbeitsplatz versucht sie jedoch nicht, diese Eindrücke naturgetreu wiederzugeben.
Sie beginnt mit Material und Bewegung.
Der Ort wird nicht abgebildet. Er hinterlässt Spuren in Wahrnehmung, Körper und Handlung.
Erst später erkennt Musebrink Farben, Rhythmen und Strukturen der Landschaft in den entstandenen Arbeiten wieder.
Ein mobiles Atelier
Die Flugreise begrenzt die mögliche Ausrüstung.
Statt großer Leinwände arbeitet Musebrink mit kleinen Papierformaten, wenigen Pigmenten, Marmormehl, Warmleim, Beizen, Tuschen, Schellack und einfachen Werkzeugen.
Auf einer Finca entsteht ein improvisierter Arbeitsplatz dicht am Boden.
Auch Alltagsgegenstände werden zu Werkzeugen. Ein einfacher Holzkochlöffel dient dazu, eine Marmormehl-Leim-Masse zeichnerisch über das Papier zu führen.
Eine Begrenzung reduziert nicht nur Möglichkeiten. Sie erzeugt andere.
Der Ort, das kleine Format und die reduzierte Ausstattung verändern die Arbeitsweise.
Viele kleine Versuche
Auf Mallorca entsteht nicht ein einziges repräsentatives Werk.
Musebrink arbeitet parallel an mehreren kleinen Papieren.
Sie können zugleich sein:
MATERIALPROBE · SKIZZE · EXPERIMENT · REISESPUR · EIGENSTÄNDIGE ARBEIT
Wenn ein Versuch trocknen muss, beginnt der nächste.
Dadurch entsteht ein Feld von Möglichkeiten, die später miteinander verglichen werden können.
Das kleine Format macht aus einem Werkprozess eine Reihe von Versuchsanordnungen.
Lernen im ersten Versuch
Mehrfach erprobt Musebrink Verbindungen und Werkzeuge, die sie zuvor selbst noch nicht verwendet hat.
Sie führt Schellack mit einer Stachelschweinborste.
Sie lässt Tusche auf Terpineol reagieren.
Sie verletzt eine gelierende Marmormehl-Leim-Haut mit einer Feder.
Sie spritzt Beize unter eine bereits entstehende Haut.
Dabei sagt sie:
„Das habe ich vorher noch nicht gemacht. Dabei lerne ich kennen, ob das funktioniert.“
Die Kamera dokumentiert damit nicht nur vorhandenes Können.
Sie dokumentiert, wie neues Wissen im Tun entsteht.
Der Zwischenzustand wird zum Arbeitsfeld
Besonders deutlich wird dies beim Warmleim.
Beim Abkühlen beginnt er zu gelieren.
Die Oberfläche ist dann:
NICHT MEHR FLÜSSIG → NOCH NICHT TROCKEN
Musebrink nutzt genau diesen Moment.
Sie zieht Tusche durch die empfindliche Haut, verletzt sie und beobachtet, ob später Risse oder andere Materialreaktionen entstehen.
Nicht nur das Material entscheidet über eine Möglichkeit. Auch der Zeitpunkt seines Zustands entscheidet mit.
Das Material gibt die nächste Frage vor
Musebrink arbeitet nicht nach einem festen Endbild.
Sie beobachtet:
- Läuft die Beize weiter?
- Schlägt sie durch?
- Perlt die Tusche ab?
- Entstehen Risse?
- Lässt sich eine Farbe erneut bewegen?
- Was bleibt nach der Trocknung sichtbar?
Eine Reaktion wird zum Anlass für die nächste Handlung.
Der Prozess wird durch Fragen geführt – nicht durch ein festgelegtes Ergebnis.
Intuition auf Grundlage von Erfahrung
Musebrink spricht während der Arbeit von Impuls und Intuition.
Der Film zeigt zugleich, worauf diese Intuition reagiert:
auf eine verlaufende Beize, eine gelierende Haut, eine Pigmentverdichtung, eine Materialkante oder einen angetrockneten Zustand.
Intuition erscheint hier als situative Antwort erfahrener Wahrnehmung auf einen konkreten Zustand.
Die Offenheit des Experiments beruht auf Materialwissen.
Musebrink weiß, wie Warmleim geliert, wie Marmormehl reagiert oder wie Bindemittel funktionieren. Offen bleibt, was unter der konkreten neuen Verbindung entstehen wird.
Mallorca erscheint später
Erst am Ende betrachtet Musebrink die entstandenen Papierarbeiten gemeinsam.
Nun erkennt sie wieder:
- Farben der Landschaft,
- Gestein,
- Schichtungen,
- Ausblühungen,
- Bewegungsrhythmen.
Sie sagt:
„Ich bin total glücklich über diese Experimente, weil ich tatsächlich etwas von dem wiedererkenne, was mich an diesem Platz auf Mallorca fasziniert hat.“
Die Landschaft war also nicht das zu reproduzierende Motiv.
Sie wird nachträglich in dem wiedererkannt, was aus Wahrnehmung, Bewegung und Material entstanden ist.
Auf Mallorca malt Musebrink nicht die Landschaft vor ihren Augen. Sie untersucht, welche Spuren die Landschaft bereits in ihrer Wahrnehmung, ihrer Bewegung und ihrem Umgang mit Material hinterlassen hat.
Ein besonderer Werkfall der Edition
Mit Gabriele Musebrink auf Mallorca zeigt Musebrinks Arbeitsweise unter reduzierten Bedingungen besonders deutlich:
ORT Die unmittelbare Umgebung wird Teil der Arbeitssituation.
REDUKTION Weniger Material und kleinere Formate öffnen andere Möglichkeiten.
EXPERIMENT Nicht jede Verbindung ist zuvor erprobt.
ZEIT Gelieren, Antrocknen und Trocknen erzeugen unterschiedliche Arbeitsfenster.
KÖRPER Rhythmen des Gehens und Wahrnehmens können in Bewegungen des Arbeitens weiterwirken.
WIEDERERKENNEN Die Bedeutung entsteht nicht durch direkte Abbildung, sondern wird später im Ergebnis entdeckt.
In der Musebrink Edition
Die vollständige Edition verbindet die historische Aufzeichnung mit der Erschließung von 2026.
KURS · EINSTIEG Rekonstruktion der Reise, der Versuchsanordnungen und Materialprozesse.
ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von Ort, Begrenzung, Experiment, Zwischenzustand und Wahrnehmung.
KURS / VIDEOS / MATERIAL Historische Aufzeichnung sowie Materialien und praktische Referenzen.
SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion der kleinen Versuchsanordnungen und Materialzustände.





