In Transformation durch Trocknung entwickelt Gabriele Musebrink drei Arbeiten auf starren MDF-Platten.
Marmormehl, Warmleim, Kaffee, Fasern, Beizen, Tusche, Schellack, Pigmente und Öl werden in unterschiedlichen Materialzuständen miteinander verbunden.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur das Auftragen von Material.
Musebrink untersucht, was mit einer gesetzten Fläche geschieht, wenn Zeit auf sie einwirkt.
„Es ist immer wieder mein Interesse, Flächen in Bewegung zu setzen und mich selbst auf eine Reise zu begeben, auf der es etwas Neues zu entdecken gibt.“
Die Trocknung gehört zum Bildprozess
Warmleim und Marmormehl verändern ihren Zustand fortlaufend:
FLÜSSIG → BREIIG → GELIEREND → HAUTBILDEND → TROCKEN
Musebrink wartet nicht einfach auf das Ende dieses Vorgangs.
Sie arbeitet gezielt mit seinen Übergängen.
Im nassen Zustand kann Material fließen. Während des Gelierens kann eine entstehende Haut geöffnet oder verletzt werden. Im halbtrockenen Zustand werden erste Spannungen sichtbar. Nach vollständiger Trocknung zeigt sich ein neuer Bildzustand.
Zeit verändert nicht nur das Material. Sie verändert, was mit ihm überhaupt noch möglich ist.
Der Zwischenzustand wird zum Arbeitsraum
Besonders wichtig ist der Moment zwischen flüssig und fest.
Die Oberfläche besitzt bereits Halt, ist aber noch veränderbar.
Musebrink ritzt hinein, führt Flüssigkeiten unter die entstehende Haut und beobachtet, wie sich Schichten verschieben, zusammenziehen oder öffnen.
Ein Zwischenzustand ist nicht bloß der Weg zu einem fertigen Zustand. Er besitzt eigene Möglichkeiten.
Der richtige Eingriff hängt deshalb nicht nur davon ab, was Musebrink tun möchte.
Er hängt ebenso davon ab, wann sie es tut.
Unter der Oberfläche
Mit einer Spritze bringt Musebrink Terpineol unter bereits gelierende Schichten.
Damit wird die Bildfläche nicht nur von außen bearbeitet.
Unter einer sichtbaren Oberfläche beginnen Bewegungen, die erst später an anderer Stelle erscheinen können.
Flüssigkeiten wandern. Grenzen verschieben sich. Häute heben sich. Farben schlagen durch.
Nicht jede wirksame Veränderung beginnt dort, wo sie später sichtbar wird.
Das Bild entwickelt ein Innen und Außen, sichtbare und zunächst verborgene Vorgänge.
Frühere Schichten arbeiten weiter
Bereits der erste Kaffeegrund bleibt im weiteren Aufbau wirksam.
Er wird überdeckt, kann aber später wieder durchscheinen. Seine Körnung beeinflusst folgende Schichten. Farben, Fasern und frühere Materialgrenzen bleiben als Bedingungen des späteren Bildes erhalten.
Was nicht mehr sichtbar ist, muss deshalb nicht verschwunden sein.
Das Werk bildet ein materielles Gedächtnis.
Frühere Zustände wirken in späteren weiter.
Transformation schließt Verlust ein
Musebrink hält interessante Zwischenzustände nicht grundsätzlich fest.
Eine Farbe kann verschwinden. Eine Linie kann durch Trocknung verändert werden. Eine überzeugende Fläche kann überlagert werden. Ein früherer Zustand kann nur noch als Spur vorhanden sein.
Sie beschreibt diesen Vorgang selbst als ein Sich-Verabschieden.
Transformation bedeutet nicht, einen gelungenen Zustand zu bewahren und nur Neues hinzuzufügen. Veränderung kann verlangen, dass etwas verloren gehen darf.
Warten ist Teil der Arbeit
Ein wesentlicher Arbeitsschritt besteht darin, nicht unmittelbar weiterzuarbeiten.
Musebrink wartet und betrachtet.
Währenddessen verändert sich das Material – aber auch ihr eigener Blick auf das Entstandene.
Das Material braucht Zeit, um einen neuen Zustand hervorzubringen. Die Wahrnehmung braucht Zeit, um ihn neu sehen zu können.
Nach einer Trocknungsphase setzt Musebrink deshalb nicht einfach dort fort, wo sie aufgehört hat.
Sie begegnet einem veränderten Bild.
Drei Tafeln – drei Entwicklungen
Die drei MDF-Platten werden mit verwandten Materialien bearbeitet, entwickeln jedoch keine identischen Ergebnisse.
Jede Tafel reagiert anders.
Gerade dadurch entsteht ein zusätzlicher Erkenntnisraum.
ÄHNLICHE BEDINGUNGEN → UNTERSCHIEDLICHE REAKTIONEN → VERGLEICH
Die Serie entsteht nicht durch Gleichheit, sondern durch Beziehung und Differenz.
Das Werk liegt deshalb nicht nur in den drei einzelnen Tafeln, sondern auch in den Unterschieden zwischen ihnen.
Nah sehen, fern sehen
Musebrink wechselt zwischen unmittelbarer Nähe und größerer Distanz.
Aus der Nähe interessieren:
- Risse,
- Fasern,
- Häute,
- Vertiefungen,
- kleine Materialreaktionen.
Aus der Entfernung verändern sich die Fragen:
- Wie verhalten sich die Flächen zueinander?
- Wo entsteht Gewicht?
- Welche Richtung dominiert?
- Wo braucht es Ruhe?
- Wie funktionieren die drei Tafeln als Zusammenhang?
Was im Detail faszinierend ist, muss im Gesamtbild nicht automatisch tragen.
Offenheit braucht Wissen
Der offene Ausgang dieses Prozesses entsteht nicht aus fehlender Vorbereitung.
Warmleim muss richtig angesetzt werden. Materialien müssen haften. Temperaturen und Zustände müssen berücksichtigt werden. Der starre Bildträger muss den Materialspannungen standhalten.
Gerade dieses Wissen ermöglicht Musebrink, einen Teil des Ergebnisses offen zu lassen.
Die Freiheit beginnt nicht dort, wo Wissen fehlt. Sie entsteht dort, wo Wissen eine offene Materialreaktion ermöglicht, ohne ihr Ergebnis vollständig festzulegen.
Ein Schlüsselwerk für die Rolle der Zeit
Transformation durch Trocknung macht besonders deutlich, dass Musebrinks Werkprozess nicht allein aus ihren sichtbaren Eingriffen besteht.
UNTERGRUND Frühere Schichten bleiben im späteren Bild wirksam.
ZUSTAND Nass, gelierend, halbtrocken und trocken erlauben unterschiedliche Handlungen.
SCHWELLE Der Übergang zwischen zwei Zuständen besitzt eigene Möglichkeiten.
EIGENZEIT Das Material verändert sich auch ohne unmittelbaren Eingriff.
VERLUST Frühere Zustände dürfen verschwinden.
WAHRNEHMUNG Nach jeder Veränderung muss neu gesehen und entschieden werden.
SERIE Erkenntnis entsteht auch aus dem Vergleich verwandter, aber unterschiedlicher Entwicklungen.
In „Transformation durch Trocknung“ setzt Musebrink nicht nur Material in Bewegung. Sie macht die Zeit selbst zu einem Bestandteil des Bildes.
In der Musebrink Edition
Die vollständige Edition verbindet die historische Kursaufzeichnung mit der Erschließung von 2026.
KURS · EINSTIEG Rekonstruktion der dreiteiligen Werkserie und ihrer Materialzustände.
ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von Eigenzeit, Schwelle, Zwischenzustand, Verlust und Wahrnehmung.
KURS / VIDEOS / MATERIAL Historische Aufzeichnung sowie Materialien, Rezepturen und praktische Referenzen.
SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion von Kaffeegrund, nassem Auftrag, Gelierung, Hautbildung, Trocknung und späterer Weiterbearbeitung.




