In Loslassen und neu anfangen arbeitet Gabriele Musebrink nicht auf einem neuen Malgrund.
Sie nimmt eine etwa zehn Jahre alte, nicht fertiggestellte Arbeit wieder auf: eine schwere MDF-Platte mit einer ausgeprägten Sandschicht, die lange im Bildlager gestanden hatte.
Zunächst erwägt Musebrink, die Arbeit zu entsorgen. Dann entscheidet sie sich anders.
Sie restauriert das alte Bild nicht. Sie entfernt den früheren Zustand nicht. Und sie versucht auch nicht, dort weiterzumachen, wo sie zehn Jahre zuvor aufgehört hatte.
Neu anfangen heißt hier nicht, wieder bei null zu beginnen. Es heißt, dem Vorhandenen eine andere Zukunft zu ermöglichen.
Eine alte Arbeit wird neu angesehen
Die Sandschicht ist noch dieselbe.
Aber die Situation ist eine andere.
Zwischen dem ersten und dem neuen Werkprozess liegen ungefähr zehn Jahre künstlerischer Erfahrung.
Musebrink begegnet deshalb auch ihrer eigenen früheren Entscheidung unter veränderten Bedingungen.
Der Gegenstand ist geblieben. Die Wahrnehmung des Gegenstands hat sich verändert.
Das macht diesen Kurs innerhalb der Edition besonders.
Die Vergangenheit liegt hier nicht nur als frühere Materialschicht im Bild. Sie begegnet Musebrink als Arbeit einer früheren Version ihrer selbst.
Nicht reparieren
Musebrink behandelt die alte Platte ausdrücklich nicht wie ein beschädigtes Werk, das zu einem früheren Sollzustand zurückgeführt werden müsste.
Die Sandschicht bleibt erhalten.
Darüber entstehen neue Schichten aus grobem Kalkputz, Sumpfkalk und Marmormehl.
Der alte Zustand wird teilweise verdeckt, aber nicht neutralisiert.
Musebrink sagt:
„Ich decke ja nicht zu.“
Und:
„Jede Schicht soll leben können.“
Die frühere Arbeit bleibt als Struktur, Farbe, Widerstand und Materialgeschichte im neuen Bild wirksam.
Vergangenheit wird zur Bedingung
Gerade in den späteren flüssigen Arbeitsphasen zeigt sich, wie stark die alte Sandschicht den neuen Prozess beeinflusst.
Tuschen, Beizen, Pigmente und Wasser reagieren auf alte und neue Höhen, Risse, Vertiefungen und unterschiedliche Saugfähigkeiten.
Die Vergangenheit schreibt das neue Werk nicht vor.
Aber sie ist auch nicht neutral.
Vergangenheit wirkt als Bedingung, nicht als vollständige Anweisung für die Zukunft.
Die alte Struktur lenkt mit, wo Flüssigkeit läuft, wo Pigment stehen bleibt und welche Bereiche stärker hervortreten.
Farbe macht die Geschichte der Oberfläche sichtbar
Nach der Trocknung arbeitet Musebrink mit sehr flüssigen Tuschen, Beizen und Sinterwasser.
Die Farbe läuft in Risse, sammelt sich an Sandkanten und vertieft unterschiedliche Materialräume.
Damit wird etwas sichtbar, das bereits aus mehreren Zeiten entstanden ist:
der alten Sandschicht, dem neuen Kalkputz, dem Intonaco und der Trocknung.
Farbe erzeugt diese Geschichte nicht. Sie macht Teile von ihr lesbar.
Altes und Neues lassen sich dabei zunehmend nicht mehr sauber voneinander trennen.
Der neue Bildzustand entsteht aus ihrer Verbindung.
Zeit ist mehr als Trocknung
Viele Arbeiten Musebrinks besitzen eine ausgeprägte materielle Eigenzeit.
Hier kommt eine andere Zeit hinzu: biografischer Abstand.
Zehn Jahre können die Bindung an eine frühere Absicht lockern.
Was damals als unfertig erschien, kann später als offener Zustand wahrgenommen werden.
Unfertig ist nicht immer eine endgültige Eigenschaft. Es kann eine zeitliche Zuschreibung sein.
Musebrink kehrt zur Arbeit zurück – aber nicht zur damaligen Perspektive.
Wiederaufnahme bedeutet deshalb keine Rückkehr.
Ein Weiterbeginn statt eines Neustarts
Der Kurs eröffnet eine dritte Möglichkeit zwischen Bewahren und Beseitigen.
Nicht:
ALLES ERHALTEN
und auch nicht:
ALLES NEU MACHEN
sondern:
MIT DEM VORHANDENEN WEITERBEGINNEN
Das bedeutet auch, die frühere Absicht loszulassen.
Loslassen bedeutet hier nicht, das Alte zu vernichten. Es bedeutet, den Anspruch aufzugeben, dass es so bleiben oder so weitergehen muss, wie es früher gedacht war.
Das Neue verändert auch die Lesart des Alten
Mit jeder neuen Schicht verändert sich, wie die alte Sandschicht erscheint.
Kalk, Tusche, Beize, Eitempera, Zinkweiß und schließlich Schellackseife geben ihr neue Beziehungen.
Die Vergangenheit selbst wird dadurch nicht verändert.
Aber ihre Bedeutung im gegenwärtigen Werk verändert sich.
Das Neue verändert rückwirkend, welche Rolle das Alte heute spielt.
Gerade deshalb ist der Kurs keine Reparaturgeschichte.
Musebrink versucht nicht, eine bessere Vergangenheit herzustellen.
Sie entwickelt aus dem vorhandenen Zustand eine andere Zukunft.
Die Oberfläche bleibt verschieden
Auch die abschließende Behandlung mit Schellackseife dient nicht dazu, das gesamte Werk zu vereinheitlichen.
Matte Sandbereiche dürfen matt bleiben. Verdichtete Kalkflächen reagieren anders auf Licht und können eine feine, perlmuttartige Reflexion entwickeln.
Je nach Blickwinkel verändert sich die Erscheinung des Werkes.
Die verschiedenen Zeiten und Materialien bleiben damit auch in der fertigen Oberfläche unterscheidbar.
Ein Schlüsselwerk über Zeit und Wiederaufnahme
Loslassen und neu anfangen erweitert die Musebrink Edition um eine besondere Form des Neuanfangs.
Bei Metamorphose entstehen neue Anfänge innerhalb eines fortlaufenden Prozesses. Bei Transluzenz durch Wachs trennt eine materielle Schicht zwei Malphasen. Hier liegen Jahre zwischen zwei Entscheidungen am selben Gegenstand.
Ein Neuanfang braucht keinen Nullpunkt. Er braucht eine neue Beziehung zu dem, was bereits da ist.
Und vielleicht noch präziser:
Nicht: Wie korrigiere ich die Vergangenheit? Sondern: Welche Zukunft kann aus ihr jetzt entstehen?
In der Musebrink Edition
KURS · EINSTIEG Rekonstruktion der Wiederaufnahme einer etwa zehn Jahre alten Sandarbeit und ihrer Entwicklung zu einem neuen Werk.
ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von Weiterbeginn, Zeitabstand, früherer Absicht, Vergangenheit als Bedingung und neuer Zukunft.
KURS / VIDEOS / MATERIAL 15 historische Videos mit einer Gesamtlaufzeit von 170 Minuten sowie Materialien, Rezepturen und Schritt-für-Schritt-Anleitung.
SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Gegenüberstellung der alten Sandarbeit, des neuen Kalkaufbaus, der Farb- und Trocknungsphasen und des späteren Werkzustands.




