Tao – Dialog in Blau gehört zu den umfangreichsten Materialprozessen der Musebrink Edition.
Auf einem stabilen Holzträger baut Gabriele Musebrink zunächst mit großer technischer Sorgfalt einen mehrschichtigen Grund aus Quarzsand, Marmorgries, Sumpfkalk und Marmormehl auf.
Erst auf dieser tragfähigen Grundlage beginnt ein offener Prozess aus Verdichtung, Pigmentschüttungen, Wasser, Sand, Tuschen, Schleifen und erneuten Farbaufträgen.
Der Titel Tao bezeichnet dabei weniger eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Daoismus als eine Haltung des Arbeitens:
„Der Weg gestaltet sich durch das, was ich tue und erfahre.“
Offenheit braucht ein tragfähiges Fundament
Der Kurs beginnt ausgesprochen technisch.
Quarzsand und Marmorgries schaffen einen stabilen Haftgrund. Der Untergrund muss vollständig trocknen und wird anschließend erneut gewässert, bevor die dünne Sumpfkalk-Marmormehl-Schicht aufgetragen wird.
Diese Sorgfalt steht nicht im Gegensatz zum späteren offenen Arbeiten.
Sie ermöglicht es.
Nicht alles muss offen bleiben. Einige Bedingungen müssen gerade deshalb verlässlich sein, damit anderes offen entstehen kann.
Musebrink unterscheidet damit praktisch zwischen technischer Unsicherheit und künstlerischer Offenheit.
Ein schlecht haftender Untergrund erweitert keinen Möglichkeitsraum.
Eine Pigmentschüttung mit offenem Ausgang kann es.
Die Zukunft des Bildes beginnt im Untergrund
Noch bevor der Sumpfkalk aufgetragen wird, setzt Musebrink eine gestische Spur mit Fettkreide und bringt Travertinsand in den Aufbau ein.
Später werden diese Setzungen weitgehend überdeckt.
Trotzdem wirken sie weiter.
Fett verändert die Haftung. Sand erzeugt Erhöhungen. Unterschiedliche Körnungen beeinflussen Verdichtung, Rissbildung und spätere Farbaufnahme.
Eine Handlung kann später zur Bedingung werden, ohne noch als ursprüngliche Handlung sichtbar zu sein.
Auch die Verdichtung des Sumpfkalks gehört zu diesen frühen Entscheidungen.
Im weißen Zustand sind die Unterschiede gering. Später nehmen verdichtete, offene, sandige oder geschliffene Bereiche dieselbe Farbe vollkommen unterschiedlich auf.
Musebrink gestaltet damit nicht nur die gegenwärtige Oberfläche.
Sie gestaltet ihre zukünftige Reaktionsfähigkeit.
Dann wird der gute Zustand wieder gefährdet
Auf den sorgfältig aufgebauten hellen Bildkörper folgt eine großflächige blaue Pigmentschüttung.
Musebrink setzt einen bereits überzeugenden Zustand erneut einem offenen Ereignis aus.
Das Blau dringt in den noch feuchten Kalk ein. Hämatit lagert sich ab. Kasslerbraun verändert sich im alkalischen Milieu. Wasser verschiebt Pigmente und öffnet wieder helle Bereiche.
Die genaue Entwicklung lässt sich nicht vollständig vorausberechnen.
Die Spontaneität des Moments beruht auf der Dauer seiner Vorbereitung.
Musebrink kennt die Materialien und ihre grundsätzlichen Reaktionen.
Sie kennt nicht das konkrete Bild, das daraus entstehen wird.
Material reagiert – Musebrink entscheidet
Der Begriff „Dialog“ ist für diesen Kurs zentral, aber er beschreibt keine Unterhaltung zwischen zwei gleichartigen Akteuren.
Kalk bindet oder reißt.
Pigment sedimentiert oder verändert seine Farbwirkung.
Wasser verteilt, löst und transportiert.
Das Material besitzt dabei keine künstlerische Absicht.
Das Material antwortet mit Verhalten. Musebrink antwortet mit Wahrnehmung und Entscheidung.
Genau aus diesem Wechsel entsteht der Weg des Bildes:
HANDLUNG → MATERIALREAKTION → WAHRNEHMUNG → ENTSCHEIDUNG → NEUE HANDLUNG
Musebrink formuliert dafür einen weiteren bemerkenswerten Satz:
„Es gibt nicht Angst, sondern Umsicht.“
Offenheit bedeutet nicht, dass beliebig werden darf, was geschieht.
Sie bedeutet, die vollständige Kontrolle einzelner Spuren abzugeben, ohne die Verantwortung für das Werk abzugeben.
Widerstand wird zur Information
Nach der Trocknung wird geschliffen, erneut gewässert und mit Tuschen weitergearbeitet.
Nun zeigen sich die Folgen der bisherigen Geschichte des Untergrundes.
Dieselbe Tusche erscheint auf geschliffenem Kalk anders als auf verdichtetem Kalk. Risse halten mehr Pigment. Sand bleibt stumpfer. Farben können im alkalischen Milieu in unerwartete Grün-, Rot-, Grau- oder Violettbereiche umschlagen.
Musebrink korrigiert solche Reaktionen nicht automatisch.
Sie betrachtet zunächst, was tatsächlich entstanden ist.
Nicht jede unerwartete Veränderung ist bereits ein Fehler.
Widerstand kann Information liefern.
Und die Antwort auf diesen Widerstand kann dem weiteren Prozess überhaupt erst eine Richtung geben.
Je weiter das Bild ist, desto weniger wird getan
Zu Beginn des Kurses stehen große Eingriffe: Grundierungen, Kalkauftrag, Schüttungen, Wasser und Pigmente.
Später werden die Handlungen kleiner.
Eine helle Kreidespur kann genügen, um zwei Bereiche miteinander zu verbinden oder ein Gewicht im Bild zu verschieben.
Gleichzeitig werden die Betrachtungsphasen länger.
Je entwickelter der Zusammenhang, desto kleiner kann der notwendige Eingriff werden.
Fortschritt bedeutet deshalb nicht automatisch mehr Handlung.
Er kann darin bestehen, genauer wahrzunehmen – und eine verfügbare Möglichkeit bewusst nicht zu nutzen.
Wann endet der Weg?
Musebrink hätte technisch zahlreiche Möglichkeiten weiterzumachen.
Weitere Lasuren, Kreiden, Wachs, Schleifvorgänge oder Pigmente wären möglich.
Trotzdem beendet sie das Bild.
„Dieser Weg ist beendet. Ich freue mich auf den nächsten Weg.“
Fertig bedeutet hier nicht, dass keine Optionen mehr existieren.
Es bedeutet, dass eine weitere Option den bereits erreichten Zusammenhang nicht mehr ausreichend stärken würde.
Ein Schlüsselwerk der Edition
Tao – Dialog in Blau verdichtet viele der Fragen, die sich durch Musebrinks historische Arbeit ziehen: Materialwissen und Nichtwissen, technische Präzision und offener Ausgang, verborgene Bedingungen, Eigenzeit, Widerstand und Entscheidung.
Der entscheidende Unterschied liegt in ihrer Verbindung zu einem Weg.
Der Weg des Bildes wird nicht vorab festgelegt. Er entsteht daraus, was Musebrink tut, wie die Materialien darauf reagieren und wie sie auf den jeweils entstandenen Zustand antwortet.
Oder noch grundsätzlicher:
Nicht jede Unsicherheit ist Offenheit. Offenheit braucht Bedingungen, die Unsicherheit tragen können.
In der Musebrink Edition
KURS · EINSTIEG Einordnung des Meisterkurses und Rekonstruktion seines vielschichtigen Werkprozesses.
ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von tragfähiger Offenheit, Widerstand, Materialverhalten, Wahrnehmung und Entscheidung.
KURS / VIDEOS / MATERIAL 15 historische Videos mit einer Gesamtlaufzeit von etwa 105 Minuten sowie Materialien, Rezepturen und historische Begleitunterlagen.
SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion vom Quarzsand- und Marmorgriesgrund über Intonaco, Pigmentschüttungen und Farbmutationen bis zu den letzten kleinen Eingriffen.














