Kurs 10 · Gabriele Musebrink

Transparenzen auf Seidelbast

Papier · Durchlässigkeit, Fragilität, Stabilisierung

2 Lektionen · 50m 52s

Transparenzen auf Seidelbast

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In Transparenzen Seidelbast entwickelt Gabriele Musebrink zwei ungegenständliche Arbeiten auf verstärktem Seidelbastpapier.

Der Bildträger unterscheidet sich grundlegend von Holz oder Leinwand.

Seidelbast ist faserig, beweglich, saugend und lichtdurchlässig. Auch nachdem mehrere Lagen miteinander verbunden wurden, bleibt dieser Charakter erhalten.

Darauf treffen Gipshaftputz, Sumpfkalk, Marmormehl, Pigmente, Kalkkasein und Tusche.

Das Papier wird stabil genug für den Materialprozess – ohne seine Durchlässigkeit und Eigenart vollständig zu verlieren.

Die Arbeit beginnt vor dem ersten Farbauftrag

Musebrink beginnt mit dem Papier selbst.

Sie faltet, befeuchtet, trennt und verbindet die Bögen. Statt sie mit der Schere zu schneiden, zieht sie eine Wasserlinie und reißt das weiche Papier entlang dieser Spur auseinander.

Die langen Fasern bleiben an den Kanten sichtbar.

Musebrink beschreibt diese Vorbereitung nicht als lästige Vorarbeit:

„Das ist nicht etwas, was ich hinter mich bringen möchte, sondern eine stille Vorbereitung, die ich richtig genieße.“

Die künstlerische Aufmerksamkeit beginnt damit bereits bei der Weise, wie ein Material vorbereitet und berührt wird.

Stabilisieren, ohne zu verhärten

Eine einzelne Lage Seidelbast könnte die späteren mineralischen Schichten kaum tragen.

Musebrink verbindet deshalb drei bis vier Papierlagen miteinander.

Das Papier wird belastbarer, bleibt aber:

  • faserig,
  • leicht beweglich,
  • lichtdurchlässig,
  • als Papier wahrnehmbar.

Die Verstärkung soll nicht möglichst viel Stabilität erzeugen. Sie soll genau so viel Tragfähigkeit schaffen, wie der weitere Prozess benötigt.

Zu wenig Stabilität würde die Arbeit gefährden.

Zu viel würde gerade jene Eigenschaften beseitigen, die den Seidelbast interessant machen.

Der Träger bleibt sichtbar

Gipshaftputz und Sumpfkalk werden nicht flächendeckend aufgetragen.

Offene Papierbereiche bleiben stehen.

Dadurch entstehen unterschiedliche Zonen:

PAPIER · GIPS · SUMPFKALK · ÜBERGANG

Der Bildträger verschwindet also nicht unter der Malerei.

Er bleibt selbst Teil des Bildes.

Musebrink malt nicht nur auf dem Seidelbast. Sie arbeitet mit seiner Faserigkeit, Beweglichkeit und Durchlässigkeit.

Grob und fein bleiben unterscheidbar

Musebrink verbindet zwei sehr unterschiedliche mineralische Materialien.

Gipshaftputz erzeugt gröbere, körperliche Strukturen.

Sumpfkalk und Marmormehl bilden feinere, hellere und stärker verdichtbare Flächen.

Beide werden teilweise übereinandergelegt, aber nicht vollständig miteinander vermischt.

Die Unterschiede bleiben erhalten:

RAU / GLATT
GROB / FEIN
OFFEN / VERDICHTET
PAPIER / MINERAL

Der Bildraum entsteht aus diesen Beziehungen.

In den nassen Zustand hinein

Weitere Farbe wird eingebracht, solange die mineralischen Schichten noch nass sind.

Schiefermehl, Hämatit, Kasselerbraun, Kupferblau und andere Pigmente treffen auf Wasser, Sumpfkalk und unterschiedliche Oberflächen.

Musebrink setzt zunächst deutlichere Hell-Dunkel-Kontraste.

Dann öffnet sie die Flächen wieder mit Wasser oder Spiritus.

Farbe soll die Materialstruktur nicht verdecken. Sie soll mit ihr arbeiten.

Setzen und Öffnen wechseln sich ab.

„Ich weiß nichts. Ich denke auch nicht.“

Während einer offenen Nass-in-nass-Phase sagt Musebrink:

„Ich weiß nichts. Ich denke auch nicht.“

Isoliert könnte dieser Satz wie ein Arbeiten ohne Wissen erscheinen.

Die Aufzeichnung zeigt jedoch das Gegenteil.

Musebrink weiß sehr genau:

  • wie das Papier verstärkt werden muss,
  • wie Gipshaftputz und Kalk verarbeitet werden,
  • welche Pigmente geeignet sind,
  • wie Kalkkasein hergestellt wird,
  • dass die Oberfläche später noch verfestigt werden muss.

Was sie nicht kennt, ist die konkrete Gestalt des entstehenden Bildes.

Das Nichtwissen betrifft das Ergebnis – nicht die Bedingungen des Prozesses.

Trocken – aber noch nicht stabil

Nach der Trocknung entsteht ein besonders wichtiger Zustand.

Die Oberfläche sieht fest aus.

Die mineralischen Schichten besitzen eine klare Form.

Mechanisch sind sie jedoch noch empfindlich.

Teile könnten sich bei falscher Bewegung lösen.

Was stabil aussieht, muss noch nicht stabil sein.

Erscheinung und tatsächlicher Zustand fallen auseinander.

Fragilität verändert die Bewegung

Musebrink arbeitet in diesem empfindlichen Zustand zunächst weiter.

Sie behandelt das Bild vorsichtiger und beschreibt, dass sie es beinahe „wie ein Baby“ anfassen müsse.

Die Verletzlichkeit des Werkes verändert damit ihren eigenen Körper.

Bewegungen werden:

  • langsamer,
  • vorsichtiger,
  • genauer,
  • aufmerksamer.

Der Zustand des Materials verändert die Art, wie die Künstlerin mit ihm umgeht.

Fragilität ist damit nicht nur ein technisches Problem.

Sie wird zu einer Bedingung der Wahrnehmung.

Erst entwickeln, dann sichern

Musebrink stabilisiert die Oberfläche bewusst nicht sofort vollständig.

Sie arbeitet zunächst malerisch auf diesem fragilen Zustand weiter.

Erst anschließend beginnt die mehrfache Verfestigung.

Die Reihenfolge lautet:

FRAGILER ZUSTAND → WEITERARBEIT → STABILISIERUNG

Nicht alles, was stabilisiert werden kann, sollte sofort stabilisiert werden.

Eine zu frühe Sicherung würde bestimmte Reaktionsmöglichkeiten beenden.

Auch Stabilisierung verändert

Die spätere Verfestigung mit Sicry ist kein neutraler Konservierungsvorgang.

Die Flüssigkeit trifft auf die trockene, aber noch empfindliche mineralische Oberfläche.

Dabei können kleine Bereiche:

  • aufbrechen,
  • sich verschieben,
  • hochgespült werden,
  • verloren gehen.

Musebrink spricht von kleinen „Geröllfeldern“.

Sichern bedeutet nicht, einen Zustand unangetastet einzufrieren.

Auch die Maßnahme zur Erhaltung wird Teil der Geschichte des Bildes.

Stabilität entsteht allmählich

Eine einzige Verfestigung reicht nicht aus.

Mehrere Durchgänge mit dazwischenliegenden Trocknungsphasen sind notwendig.

Die Oberfläche wird schrittweise tragfähiger.

Musebrink prüft dabei nicht nur, ob eine bestimmte Zahl von Arbeitsschritten erledigt ist.

Sie prüft den tatsächlichen Zustand des Bildes.

Stabilität ist kein Schalter zwischen instabil und stabil. Sie entsteht graduell.

„Ich schenke mir Zeit“

Zwischen den einzelnen Verfestigungen muss gewartet werden.

Musebrink formuliert dafür einen bemerkenswerten Satz:

„Ich schenke mir Zeit.“

Die Wartezeit ist nicht verloren.

Das Bindemittel dringt ein.
Die Oberfläche verändert sich.
Der tatsächliche Zustand wird sichtbar.
Die Wahrnehmung gewinnt Abstand.

Zeit verhindert hier auch, dass die nächste Entscheidung zu früh fällt.

Licht durch den Bildkörper

Seidelbast erweitert den Begriff der Transparenz noch einmal.

Bei Transparenzen auf Holz entstehen Tiefen vor allem durch verdeckte und wieder freigelegte Schichten.

Hier kommt eine weitere Dimension hinzu:

Der Bildträger selbst ist lichtdurchlässig.

Farbe und Licht können durch dünnere oder freie Papierbereiche hindurch erscheinen.

Die Bildtiefe entsteht damit zwischen:

VORDERSEITE → PAPIERKÖRPER → RÜCKSEITE → LICHT

Transparenz liegt hier nicht nur zwischen den Schichten. Sie liegt im Material des Trägers selbst.

Durchlässigkeit und Verletzlichkeit

Gerade die Eigenschaften, die den Seidelbast besonders machen, erzeugen zugleich seine Schwierigkeit.

Seine Feinheit ermöglicht Transparenz.

Seine Faserigkeit erzeugt besondere Kanten.

Seine Beweglichkeit hält den Bildkörper lebendig.

Dieselben Eigenschaften machen ihn empfindlich.

Die Qualität des Materials und seine Verletzlichkeit lassen sich nicht vollständig voneinander trennen.

Eine maximale Beseitigung der Fragilität würde deshalb auch einen Teil seiner besonderen Wirkung beseitigen.

Zwei Arbeiten – ein Verfahren

Musebrink entwickelt zwei Bilder nach einer vergleichbaren Arbeitsstruktur.

Doch die Ergebnisse unterscheiden sich deutlich.

Schiefergrau, Hämatit und Kasselerbraun prägen eine Arbeit anders als Kupferblau oder Titanorange die andere.

Wiederholbar ist das Verfahren – nicht das Bild.

Die Methode schafft einen Möglichkeitsraum, keine Vorlage.

Ein Schlüsselwerk über tragfähige Fragilität

Transparenzen Seidelbast führt mehrere zentrale Aspekte von Musebrinks Arbeitsweise zusammen:

TRÄGER Das Papier bleibt sichtbarer Teil des Werkes.

VERSTÄRKUNG Die Tragfähigkeit wird erhöht, ohne die Eigenart des Materials aufzugeben.

OFFENHEIT Nicht alle Flächen werden mineralisch überbaut.

FRAGILITÄT Die getrocknete Oberfläche bleibt zunächst empfindlich.

KÖRPER Verletzlichkeit verändert die Art der Berührung.

ZEITPUNKT Die Sicherung wird bewusst hinausgeschoben.

STABILISIERUNG Auch der Schutz des Werkes verändert das Werk.

EIGENZEIT Tragfähigkeit entsteht über mehrere Durchgänge und Trocknungsphasen.

DURCHLÄSSIGKEIT Licht kann durch den Bildträger selbst wirken.

In „Transparenzen Seidelbast“ macht Musebrink das Bild nicht möglichst früh stabil. Sie hält es lange genug offen und fragil, damit sich seine besonderen Möglichkeiten entwickeln können – und stabilisiert erst, wenn dieser Zustand nicht mehr benötigt wird.

In der Musebrink Edition

Die vollständige Edition verbindet die historische Kursaufzeichnung mit der Erschließung von 2026.

KURS · EINSTIEG Rekonstruktion der beiden Arbeiten auf Seidelbast und ihrer mineralischen Schichten.

ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von tragfähiger Fragilität, Durchlässigkeit, Zeitpunkt der Sicherung und Eigenzeit.

KURS / VIDEOS / MATERIAL Die historische Aufzeichnung sowie Materialien, Rezepturen und praktische Referenzen.

SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion von Papierbereitung, Materialauftrag, fragilem Zwischenzustand, Verfestigung und endgültiger Stabilisierung.

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