Kurs 11 · Gabriele Musebrink

Transparenzen auf Leinwand

Instabilität · Öffnung, Transparenz, Sicherung

1 Lektion · 1h 13m

Transparenzen auf Leinwand

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In Transparenzen auf Leinwand entwickelt Gabriele Musebrink ein ungegenständliches Materialbild auf einer schmalen Leinwand im extremen Querformat von 40 × 100 Zentimetern.

Dabei verbindet sie zwei Materialsysteme, die sich technisch nicht selbstverständlich vertragen: eine synthetisch gebundene Marmormehlstruktur und mineralischen Sumpfkalk.

Gerade aus dieser Spannung entstehen Risse, Schollen und Ausbrüche.

Die Oberfläche wird nicht trotz ihrer Instabilität interessant. Ein Teil ihrer späteren Bildmöglichkeiten entsteht gerade durch diese Instabilität.

Ein Format, das Bewegung vorgibt

Das extreme Querformat beeinflusst von Beginn an die Arbeit.

Es begünstigt:

  • seitliche Bewegungen,
  • lange Verbindungen,
  • horizontale Räume,
  • Unterbrechungen,
  • Wiederaufnahmen über größere Distanz.

Die Leinwand ist damit nicht nur Träger.

Das Format richtet Körper, Bewegung und Aufmerksamkeit bereits vor der einzelnen Entscheidung aus.

Zwei Materialien, die sich nicht selbstverständlich verbinden

Musebrink arbeitet mit einer festen Marmormehlmasse auf Acrylbasis und einer Mischung aus Sumpfkalk und Marmormehl.

Die beiden Systeme reagieren unterschiedlich.

Musebrink sagt:

„Die beiden mögen sich nicht.“

Der Sumpfkalk wird direkt auf Leinwand, auf die synthetische Struktur und über deren Übergänge geführt.

Es entstehen unterschiedliche Oberflächen:

RAU · GLATT · OFFEN · VERDICHTET · STABIL · GEFÄHRDET

Die Materialdifferenz wird nicht beseitigt.

Sie wird Teil des Verfahrens.

Instabilität wird vorbereitet

Musebrink weiß, dass Sumpfkalk auf einer flexiblen Leinwand problematisch sein kann.

Sie weiß auch, dass die Verbindung mit einer synthetischen Strukturmasse Risse und Ablösungen begünstigen kann.

Das Risiko ist also nicht Ergebnis fehlenden Wissens.

Materialwissen ermöglicht Musebrink, eine Grenze bewusst aufzusuchen, deren konkretes Ergebnis dennoch offen bleibt.

Sie kann die Bedingungen bestimmen.

Wo später ein Riss entsteht oder wie sich eine Scholle löst, kann sie nicht vollständig festlegen.

Verletzungen für spätere Sichtbarkeit

Bereits in die feuchte Kalkoberfläche setzt Musebrink Wasser.

Dadurch entstehen kleine Öffnungen und Unterschiede.

Ihre volle Wirkung wird teilweise erst später sichtbar, wenn Pigmente, Beizen oder andere Flüssigkeiten in diesen Stellen anders reagieren.

Eine frühe Handlung kann Bedingungen für eine spätere Sichtbarkeit schaffen, ohne dass ihre Wirkung im Moment der Setzung bereits erkennbar ist.

Auch Beizen, Tusche und dunklere Pigmente werden früh angelegt und anschließend teilweise wieder verdeckt.

Trocknung erzeugt den Bruch

Erst nach dem Trocknen zeigt sich, wie die Materialverbindung tatsächlich reagiert hat.

Der Kalk:

  • reißt,
  • hebt sich,
  • bildet Schollen,
  • bricht an einzelnen Stellen aus.

Musebrink bezeichnet diese Erscheinungen als:

„Abbrüche, Ausbrüche und Geröllfelder“.

Was technisch zunächst wie ein Schaden erscheinen könnte, eröffnet neue bildnerische Möglichkeiten.

Risse werden zu Vertiefungen.

Schollenkanten werden zu Grenzen.

Öffnungen werden zu Orten, an denen spätere Farbe eindringen kann.

Der Verlust einer geschlossenen Oberfläche erzeugt neue Zugänge.

Erst öffnen, dann sichern

Die entstandene Instabilität bleibt jedoch nicht dauerhaft sich selbst überlassen.

Musebrink prüft die Oberfläche und stabilisiert gefährdete Bereiche mit stark verdünnter Acrylemulsion.

Das Bindemittel wird so bewegt, dass es:

  • in Risse,
  • unter Schollen,
  • in poröse Bereiche,
  • zwischen Materialgrenzen

gelangen kann.

Damit entsteht eine klare Reihenfolge:

INSTABILITÄT ZULASSEN → ERGEBNIS WAHRNEHMEN → SICHERN

Offenheit und technische Verantwortung gehören hier zu unterschiedlichen Phasen desselben Werkprozesses.

Musebrink gibt einen Teil der Formbildung an das Material ab.

Nicht aber die Verantwortung dafür, ob das entstandene Werk später trägt.

Weiß verdeckt, ohne zu löschen

Nach der Stabilisierung arbeitet Musebrink mit einer stark verdünnten hellen Kalkkaseinschüttung.

Sie überzieht Teile der früheren Struktur.

Dunklere Bereiche werden heller. Manche Spuren verschwinden nahezu. Andere bleiben durchscheinend.

Das Vorherige wird nicht ausgelöscht.

Seine Sichtbarkeit verändert sich.

Transparenz entsteht nicht dadurch, dass jede Schicht durchsichtig bleibt. Sie entsteht daraus, dass verschiedene Schichten gleichzeitig weiterwirken können.

Schwarz macht Verborgenes lesbar

Später verwendet Musebrink stark verdünntes Spinellschwarz.

Das Pigment sammelt sich bevorzugt in:

  • Rissen,
  • Riefen,
  • Vertiefungen,
  • unter Materialkanten.

Strukturen, die in der hellen Fläche kaum sichtbar waren, treten wieder hervor.

Etwas kann bereits vorhanden sein und dennoch einen Eingriff benötigen, damit es wahrnehmbar wird.

Das Sichtbarmachen verändert dabei zugleich das Bild.

Der Bildkörper lenkt die Farbe

Je weiter die Arbeit fortschreitet, desto stärker bestimmen frühere Materialentscheidungen die Wege späterer Flüssigkeiten.

Risse führen Farbe.

Vertiefungen sammeln Pigmente.

Schollen bilden Kanten.

Verdichtete Bereiche nehmen weniger auf.

Der Bildgrund ist damit längst kein neutraler Untergrund mehr.

Frühere Entscheidungen werden zu Bedingungen späterer Entscheidungen.

Der Bildkörper besitzt eine Geschichte – und diese Geschichte lenkt den weiteren Prozess.

Schütten und Wiegen

Musebrink arbeitet die dünnen Farbaufträge nicht nur mit dem Pinsel.

Sie hebt und neigt die Leinwand.

Die Flüssigkeiten folgen der Schwerkraft und zugleich den bereits entstandenen Höhen, Rissen und Materialgrenzen.

Musebrink nennt das:

„ein Gehen mit dem Bild, mit dem Prozess des Bildes“.

Sie kontrolliert die Bewegung des Bildträgers.

Die konkrete Spur entsteht im Zusammenspiel von:

HANDLUNG · SCHWERKRAFT · MATERIALSTRUKTUR · FLÜSSIGKEIT

Wachs schafft Tiefe

Nach vollständiger Trocknung folgen transparente Wachsschichten.

Das Wachs:

  • bindet lose Pigmente,
  • vertieft Farben,
  • verändert Mattheit und Glanz,
  • macht darunterliegende Schichten optisch wieder stärker wahrnehmbar.

Musebrink vergleicht das Verhältnis mit Flechten auf einem Stein:

Eine neue Schicht liegt über einer älteren, ohne diese vollständig auszulöschen.

Transparenz ist hier keine Eigenschaft eines einzelnen Stoffes. Sie entsteht aus der Beziehung mehrerer Schichten.

„Ich hole das heraus, was sowieso im Bild ist“

Pigmentiertes Wachs arbeitet Musebrink teilweise mit dem Handballen ein.

Druck, Reibung und Körperwärme verändern die Farbwirkung.

Dabei muss nicht zwingend neues Pigment hinzugefügt werden.

Musebrink formuliert:

„Ich hole das heraus, was sowieso im Bild ist.“

Das beschreibt einen wichtigen Unterschied.

Nicht jede Weiterentwicklung entsteht durch Hinzufügen.

Manches wird erst durch einen anderen Umgang mit dem bereits Vorhandenen sichtbar.

Waagerecht und aufgerichtet

Während der Schüttungen liegt das Bild überwiegend waagerecht.

Dort geht es um Fließen, Wiegen und Materialbewegung.

Später wird es aufgerichtet.

Nun verändert sich die Prüfung.

Waagerecht werden Materialien in Bewegung gesetzt. Aufgerichtet wird geprüft, ob aus diesen Bewegungen ein Bildraum entstanden ist.

Die Lage des Werkes verändert damit nicht nur die Arbeitsmöglichkeit, sondern auch die Wahrnehmungsform.

Den vertrauten Blick unterbrechen

Zum Abschluss dreht Musebrink die Arbeit.

Die Materialstruktur bleibt dieselbe.

Verändert wird zunächst nur die Bedingung der Betrachtung.

Ein vertrauter Zusammenhang wird fremder und kann erneut geprüft werden.

Manchmal muss nicht das Bild verändert werden, sondern die Weise, in der wir es sehen.

Ein Schlüsselwerk über Instabilität und Verantwortung

Transparenzen auf Leinwand führt zentrale Aspekte von Musebrinks Arbeitsweise besonders deutlich zusammen:

MATERIALDIFFERENZ Unterschiedliche Bindesysteme erzeugen reale Spannungen.

INSTABILITÄT Risse, Schollen und Ausbrüche dürfen entstehen.

ÖFFNUNG Der Bruch schafft neue Räume für spätere Farbe.

SICHERUNG Der gewordene Zustand wird anschließend technisch tragfähig gemacht.

TRANSPARENZ Frühere Schichten bleiben unter späteren Aufträgen wirksam.

FELDGEDÄCHTNIS Vergangene Entscheidungen lenken spätere Materialbewegungen.

ERSCHLIESSUNG Vorhandenes wird nicht nur ergänzt, sondern durch Reibung, Kontrast und Wachs neu wahrnehmbar.

DISTANZ Nähe, Aufrichtung und Drehung erzeugen unterschiedliche Informationen.

In „Transparenzen auf Leinwand“ lässt Musebrink eine Oberfläche zunächst aufbrechen. Erst aus diesen Rissen, Schollen und Öffnungen entwickelt sie den späteren Bildraum – und sichert den entstandenen Zustand, bevor sie ihn weiterführt.

In der Musebrink Edition

Die vollständige Edition verbindet die historische Kursaufzeichnung mit der Erschließung von 2026.

KURS · EINSTIEG Rekonstruktion des Materialaufbaus und der transparenten Weiterentwicklung.

ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von Instabilität, Öffnung, Sicherung, Sichtbarkeit und Feldgedächtnis.

KURS / VIDEOS / MATERIAL Die historische Aufzeichnung sowie Materialien, Rezepturen und praktische Referenzen.

SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion von Marmormehlstruktur, Sumpfkalk, Rissbildung, Stabilisierung, Schüttungen, Wachs und abschließender Bildprüfung.

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