In Arbeiten mit dem Verlust entwickelt Gabriele Musebrink das Werk Umwälzung auf drei Millimeter starker Finnpappe.
Im Mittelpunkt steht Sumpfkalk – ein Material, das für einen stabilen Aufbau eigentlich einen festen, geeigneten Untergrund benötigt.
Musebrink entscheidet sich bewusst dagegen.
Sie trägt eine Mischung aus Sumpfkalk und Marmormehl direkt auf die leicht bewegliche Finnpappe auf und weiß, dass die Kalkschicht reißen, brechen und tatsächlich Teile verlieren kann.
Die Möglichkeit des Verlustes gehört von Anfang an zur Versuchsanordnung.
Wissen – und trotzdem von der Regel abweichen
Musebrink arbeitet nicht versehentlich unter ungeeigneten Bedingungen.
Sie kennt die Anforderungen des Sumpfkalkes.
Gerade dieses Wissen ermöglicht ihr, sie bewusst nicht vollständig zu erfüllen.
Die Frage lautet deshalb nicht:
Wie verhindere ich jeden Bruch?
Sondern:
Was geschieht, wenn Bruch möglich wird?
Das Wagnis entsteht nicht aus fehlendem Wissen. Es entsteht aus einer informierten Abweichung von der Materialregel.
Ein Bildträger wird sichtbar
Musebrink lässt Teile der naturfarbenen Finnpappe von Beginn an frei.
Neben dem hellen Kalk entsteht so ein zweites Materialfeld.
Auf beiden Flächen reagieren Flüssigkeiten unterschiedlich.
Die Pappe saugt stärker.
Der Kalk hält Pigmente näher an der Oberfläche.
Risse sammeln Farbe.
Bruchkanten lenken Flüssigkeiten.
Später, wenn Kalkteile tatsächlich herausbrechen, wird die Finnpappe noch stärker zum Bestandteil des Bildes.
Was zunächst nur Träger war, wird durch den Verlust einer darüberliegenden Schicht selbst zum Bildraum.
Trocknung macht den Verlust real
Nach dem Auftrag muss der Kalk vollständig trocknen.
Nun treffen gegensätzliche Bedingungen aufeinander:
Die Finnpappe bleibt beweglich.
Der Kalk wird fest und starr.
Die Pappe entzieht der Kalkschicht Feuchtigkeit.
Unterschiedliche Schichtstärken reagieren verschieden.
Die weiße Oberfläche kann zunächst geschlossen und stabil wirken.
Doch bei Berührung brechen einzelne Stellen.
Teile lösen sich tatsächlich aus dem Bild.
Etwas verändert nicht nur seine Form. Etwas ist anschließend nicht mehr da.
Damit unterscheidet sich dieser Vorgang von Übermalung, Verdeckung oder bloßer Transformation.
Keine Rückkehr
Musebrink versucht nicht, die verlorenen Kalkstellen wiederherzustellen.
Sie setzt keinen neuen Kalk ein, um den früheren Zustand zu rekonstruieren.
Stattdessen fragt der weitere Prozess:
WAS IST JETZT DA?
Nach dem Verlust existieren neue Bedingungen:
KALK · BRUCHKANTE · RISSE · FINNPAPPE · FEHLSTELLEN
Nach einem wirklichen Verlust kann nicht mehr unter denselben Bedingungen weitergearbeitet werden wie zuvor.
Der Verlust wird zur neuen Ausgangslage.
Das Fehlende wird wirksam
Wo Kalk fehlt, entsteht ein neuer Farbraum.
Flüssigkeit zieht unmittelbar in die Pappe.
Farben werden dort dunkler.
Bruchkanten erzeugen Grenzen.
Risse öffnen neue Wege.
Das Fehlende selbst besitzt keine Materialität mehr – doch seine Folgen verändern den gesamten Bildprozess.
Abwesenheit kann eine wirksame Bedingung sein.
Etwas anderes wird sichtbar und möglich, gerade weil eine frühere Schicht nicht mehr vorhanden ist.
Stabilisieren und malen zugleich
Nun beginnt eine ungewöhnliche Arbeitsphase.
Musebrink verwendet Acrylemulsion, um gefährdete Kalkbereiche zu sichern.
Doch die Emulsion bleibt nicht nur technisches Fixiermittel.
Sie trägt Farbe, verbindet Pigmente, dringt in Pappe und Kalk ein und reagiert mit weiteren Materialien.
Die Sicherung wird selbst Teil der Malerei.
Damit lässt sich das technische Problem nicht neutral lösen.
Die Art der Stabilisierung verändert das Bild.
Genug Halt – aber nicht zu viel
Musebrink arbeitet sowohl mit konzentrierter als auch mit verdünnter Acrylemulsion.
Zu wenig Bindemittel würde den Kalk nicht ausreichend halten.
Zu viel könnte eine geschlossene Kunststoffhaut erzeugen und die mineralische Oberfläche verlieren lassen.
Es geht deshalb nicht um maximale Stabilität.
Es geht um:
GENUG HALT + ERHALTENE OFFENHEIT
Mehr Sicherheit ist nicht automatisch die bessere Lösung. Entscheidend ist eine Stabilität, die das Bild trägt, ohne seine Materialunterschiede zu schließen.
Das Material verändert auch die Farbentscheidung
Musebrink setzt eine grüne Beize ein, obwohl Grün nicht zu ihren bevorzugten Farben gehört.
Im Zusammenspiel mit Kalk, Finnpappe, Öl und Acrylemulsion verschiebt sich der Farbton jedoch in Richtung Türkis.
Plötzlich wird die Farbe für sie interessant.
Das Bild verändert damit nicht nur sich selbst. Es verändert auch, welche Möglichkeit die Künstlerin akzeptieren kann.
Eine zunächst wenig attraktive Entscheidung kann unter veränderten Bedingungen zu etwas anderem werden.
Farbe folgt den Bruchstellen
Intensive Blau-, Grün- und Türkistöne bewegen sich anschließend durch die aufgebrochene Oberfläche.
Sie laufen:
- in Risse,
- entlang von Kalkkanten,
- über offene Finnpappe,
- zwischen erhaltenen Kalkinseln.
Der Verlust wird dadurch nicht verborgen.
Er organisiert den weiteren Weg der Farbe.
Die Fehlstelle wird nicht repariert. Sie wird zur Bedingung der nächsten malerischen Handlung.
Auch Farbe darf ihren Zustand verlieren
Mit Alkohol beziehungsweise Spiritus öffnet Musebrink bereits gesetzte Farbflächen wieder.
Emulsionen werden zurückgedrängt.
Ränder entstehen.
Zusammenhängende Farbräume brechen auf.
Damit gilt das Prinzip des Verlustes nicht nur für die Kalkschicht.
Auch ein bereits entstandener Farbzustand muss nicht geschützt werden.
Was tatsächlich hält
Nach mehreren Tagen Trocknung prüft Musebrink die Oberfläche mit einem weichen Pinsel.
Lose Kalkpartikel, Pigmentreste und andere nicht ausreichend gebundene Bestandteile werden entfernt.
Dadurch setzt sich der Verlust noch einmal fort.
Es war auf dem Bild, ist nicht dasselbe wie: Es gehört zum Bild.
Erst die Prüfung zeigt, was tatsächlich trägt.
Was nicht hält, darf gehen.
Die Linie kommt danach
Erst nach den materialreichen Phasen setzt Musebrink schwarze und weiße Tuschelinien.
Sie reagiert auf:
- Risse,
- Bruchkanten,
- Kalkinseln,
- offene Pappbereiche,
- bereits entstandene Bewegungen.
Die Zeichnung versucht nicht, die frühere geschlossene Fläche wiederherzustellen.
Sie erzeugt eine neue Gliederung.
Musebrink beschreibt diesen Vorgang als:
„eine Sortierung“.
Die Folge lautet:
VERLUST → WAHRNEHMUNG → LINIE → NEUE ORDNUNG
Das Material zerlegt die Fläche. Die Zeichnung antwortet mit einer neuen Ordnung.
Umwälzung
Erst im Verlauf des Prozesses erhält das Werk seinen Titel Umwälzung.
Musebrink erkennt in der aufgebrochenen Oberfläche Assoziationen zu Gestein, ausgetrockneter Erde, Lava und erstarrter Bewegung.
Diese Bedeutung lag nicht als Motiv vor dem Bild.
Sie entsteht aus dem Gewordenen.
Der Titel beschreibt deshalb nicht nur die sichtbare Oberfläche.
Er beschreibt zugleich den Prozess selbst:
Ein früherer Zustand verliert seine Stabilität.
Teile verschwinden.
Andere bleiben.
Neue Bildräume öffnen sich.
Eine andere Ordnung entsteht.
Ein Schlüsselwerk über Verlust
Arbeiten mit dem Verlust unterscheidet mehrere Vorgänge, die leicht miteinander verwechselt werden können:
INSTABILITÄT Etwas ist gefährdet.
FRAGILITÄT Etwas ist verletzlich.
ABTRAG Etwas wird bewusst entfernt.
VERLUST Etwas verschwindet tatsächlich und wird nicht wiederhergestellt.
Gerade deshalb ist dieser Kurs innerhalb der Edition besonders wichtig.
REGELWISSEN Musebrink kennt die optimalen Bedingungen des Materials.
ABWEICHUNG Sie setzt diese Bedingungen bewusst teilweise außer Kraft.
RISIKO Der konkrete Verlust bleibt offen.
REST Der verbliebene Zustand wird zur neuen Ausgangslage.
SICHERUNG Was bleiben soll, muss anschließend tatsächlich tragen.
TRÄGER Die freigelegte Finnpappe erhält eine neue Bildfunktion.
ANTWORT Farbe und Linie reagieren auf eine Situation, die vorher nicht vollständig planbar war.
NEUE ORDNUNG Das spätere Bild rekonstruiert den verlorenen Zustand nicht.
In „Arbeiten mit dem Verlust“ versucht Musebrink nicht, nach dem Bruch zum vorherigen Bild zurückzukehren. Sie beginnt mit dem weiterzuarbeiten, was nach dem Verlust tatsächlich noch da ist.
In der Musebrink Edition
Die vollständige Edition verbindet die historische Kursaufzeichnung mit der Erschließung von 2026.
KURS · EINSTIEG Rekonstruktion des Werkprozesses von der fragilen Kalkschicht bis zum Werk Umwälzung.
ROLLA · LESART 2026 Eine heutige Betrachtung von Verlust, Irreversibilität, Rest, Sicherung und neuer Ordnung.
KURS / VIDEOS / MATERIAL Vier historische Videos mit Gabriele Musebrink und Ute Hoeg sowie Materialien, Rezepturen und praktische Referenzen.
SCHRITT FÜR SCHRITT Im Aufbau – visuelle Rekonstruktion von Kalkauftrag, Bruch, Verlust, Stabilisierung, Farbentwicklung und zeichnerischer Neuordnung.








